Waruno Mahdi’s

Virtuelles WebLOG — Deutsch II
— Geschehnisse in anderen Ländern —

WM
HINWEIS: Die auf dieser Seite zum Ausdruck gebrachte Meinung ist auschließlich die des Autors allein.
 
Datum:  10. Okt. 2009
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Friedensnobelpreis für Obama/Hoffnung gewagt (10.10.2009, Ss. 1-2)
Wenn man zuhört, wie die gedanklichen Fernsehcouch-Potatoes nur "na mach mal!" zurufen, um erst nach dem Schlusspfiff das Siegerteam zu bejubeln, dann versteht man, dass die Entscheidung des norwegischen Nobelpreiskommittees genau rechtzeitig war, und kein Tag zu früh!

Wir wollen alle eine friedliche Welt ohne Nuklearwaffen, aber sind realistisch genug zu verstehen, dass das ohne der Supermacht nur ein Traum bleiben kann. Also jubelten wir um so aufgeregter, als Barack Obama seine Visionen offenbarte. Aber das war zunächst erst Wahlkampf, und auch mit so etwas hat man genug Erfahrung. Jetzt sind wir aber weit über seine ersten 100 Tage im Amt hinaus, und konnten feststellen, es war entscheidend mehr als nur Wahlkampfversprechen.

Ein einzelner Person kann die Welt nicht verändern, auch nicht wenn er Präsident der Vereinigten Staaten ist. Schließlich hatte er auch niemals “Yes I can” behauptet, sondern es hieß da immer “we”. Er hat die Welt vielleicht noch nicht für uns endgültig geändert, aber er hat den Beweis erbracht, dass mit ihm als Präsident jetzt auch der Supermacht auf unserer Seite steht. Wenn wir jetzt nichts tun, dann wird nicht er, sondern werden wir an den eventuellen Misserfolg schuld sein. Der Friedensnobelpreis wurde ihm somit genau im richtigen Augenblick verliehen.

Genau das will uns das Preiskommittee sagen: “dass die Zeit für alle von uns gekommen sei, unseren Teil der Verantwortung für globale Antworten auf globale Herausforderungen zu übernehmen” (Im Wortlaut, auf S. 2). Von allen bisherigen überaus noblen Entscheidungen des Kommittees für die Friedensnobelpreisverleihung, war die jetzige vielleicht die achtungswürdigste, auf jeden Fall die am meisten zeitgerechte.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  13. April 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Das Machtbeben (13.04.08, Ss. S4-S5)
China weckt Aengste in Europa und Amerika, schreiben Sie. Das stimmt, aber in der Geschichte ist soetwas sicherlich nicht neu. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts weckte ein heraufstrebendes Deutschland Aengste bei den etablierten Weltkolonialmaechten Frankreich und Grossbritannien. Das fuehrte zum Ersten, dann zum Zweiten Weltkrieg.

Heute sind die zustaendigen Staatsmaenner zwar nicht sehr viel klueger geworden, aber zum Glueck hat sich die Welt sehr gruendlich veraendert. Die wirtschaftliche "Schwellenuebertretung" der Schwellenlaender, allen voran China, gleich dahinter Indien, Suedkorea, Brasilien, ist nicht nur eine Folge des Untergangs der kolonialen und darauffolgenden "neokolonialistischen" Weltordnung, sondern vor allem der Globalisierung, die sich inzwischen fest etabliert hat.

Jedoch eben diese Globalisierung bereitet zugleich die Voraussetzungen fuer eine Loesung des entstandenen Problems vor. Man muss nur dafuer sorgen, dass China (dsgl. Indien, usw., usw., und nicht zu vergessen Russland) als gleiches Mitglied in den weltweiten Waaren- und Kapitalmarkt aufgeht. Dann wird sie nicht gefaehrlicher fuer die anderen als etwa Deutschland es nach dem Wirtschaftswunder wurde. Man sollte es auf jeden Fall vermeiden, dass sich eine aehnliche Stimmung von Misstrauen aufbaut, wie Anno 1914 gegenueber Kaiserdeutschland. Wer koennte das heute den Chinesen wohl besser nachempfinden, als die Deutschen?

Das hesst, dass auch in solchen Sachen wie die Berichterstattung ueber Tibet nicht derart einseitig wie jetzt vorgegangen wird. Ohne Zweifel, es ist schlimm, was da geschieht. In China selbst geht es den aermsten sehr sehr schlimm, jedoch vergleichbar ist das mit dem was die aermsten in den heutigen Industrielaendern zur Zeit der fruehkapitalistischen Industrialisierung erleben mussten. Das ist nicht schoen, aber das war der Preis der Industrialisierung, d.h. der Preis dafuer, nicht in die koloniale Abhaengigket zu geraten. Hoeren wir also auf, mit dem Finger auf anderen zu zeigen.

Was Tibet betrifft, geht es nicht nur darum, dass es dort eigentlich nicht so schlimm zugeht wie seinerzeit in den Kolonien der sich industrialisierenden fruehkapitalistischen Laender. Nicht von ungefaehr sprach der Dalai Lama nicht von "Genozid", sondern von "kulturellen Genozid". Die traditionelle lamaistische Kultur Tibets, nicht anders als die von zahlreichen anderen vorindustriellen Laendern auf der Welt, wird von einer gemaechlichen Arbeitseinsatz und einem zeitaufwaenderisch freigiebigen Religionsleben gekennzeichnet. Industrialisierung verlangt aber mehr Arbeitszeit und weniger Raeucherstaebchenbrennen, Meditation und dgl. mehr. Selbstbestimmung? Niemand wird gefragt. Entweder industrialisiert man, oder man gesellt sich zu den Losern. Das Leben ist hart.

Was noch schlimmer ist: Dies wird alles von Beamten in die Wege geleitet, und chinesische sind nicht besser als deutsche, zumal zu Kaiserszeiten. Also wird das eher schlecht als recht ausgefuehrt. Es gibt also was zu kritisieren, sogar nicht wenig davon, aber es ist nicht alles ausschliesslich zu kritisieren. Um richtig zu kritisieren, muss man auch versuchen, sich den Ueberblick ueber das Wesen dessen, was da im Gange ist, zu verschaffen. Der Dalai Lama hat es offenbar getan: Es sei "kulturelles Genozid", fand er.

Wenn man richtig kritisiert, hilft man. Einseitige Kritik hingegen bringt Feindschaft.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  21. Mai 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Keine Angst vorm gelben Mann (21.05.06, S. 8)
Nichts für ungut, aber wie lange ist es eigentlich her, als wir ähnlich über Japan-Autos lästerten? In einem Punkt gehen meine China-Beobachtungen und die von Harald Maas leicht auseinander: Trotz der für kommunistische Regime typischen, autoritären politischen Kontrolle, hat mich die ungewöhnliche Gedankenfreiheit, die man dort Wissenschaftlern in Schlüsselbranchen gewährte (angefangen seinerzeit mit der Atomindustrie und Raketenbau) schon frühzeitig ziemlich beeindruckt. Denn in der früheren Sowjetunion gewährte man zwar allerlei Westluxus, verlangte im allgemeinen aber dennoch strikte Linientrue.
Der Eindruck, den ich bekomme ist, dass man in kommunistischer China heute nicht so sehr abweichende Gedanken verfolgt, sondern viel mehr konkrete, der Regierung zuwiderlaufende politische Handlungen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  18. Februar 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Paul Rogers über "US Angriff auf Iran..." (18.2.06, S. 1)
Paul Rogers hat auch aus meiner Sicht völlich recht, aber untertreibt sogar was die innenpolitisch konsolidierende Strategie der Atompläne Irans betrifft.

Mahmud Ahmadinedschad ist wie der König mit dem "neuen Kleid". Er hat nichts außer markigen religiösen Sprüchen, mit welchen er eine Mehrheit nur kurzfristig hinter sich halten kann. Wie man eine moderne Wirtschaft und Industrie aufbaut, davon wissen die Ajatollahs aber nur wenig, und auch ihre frommste Wählerschaft würde bald erkennen müssen: "der König ist nackt".

Also provoziert er eine Rundumkonfrontation mit dem Westen, um auf dieser Weise die ganze Nation hinter sich zu zwingen. Leider ist der Westen da voll reingefallen. Man sollte vielleicht niemals vergessen, dass der Nahe Osten der historische Wiege der Politik ist. Nirgends kennt man alle Tricks so gut wie hier.

Man sollte seine Provokationen einfach so weit möglich ignorieren, und so freundlich wie möglich gegenüber dem Land zeigen, insbesondere den Geschäftsleuten und Intellektuellen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  27. September 2004
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Von Türken und so ... (Und was mach ich jetzt? 26.09.04)
Herr Hacke hat sich mal wieder selbst übertroffen! Köstlich, köstlich, auch wenn das Fachchinesisch einem so ziemlich spanisch vorkommen mag.

Doch was das Türken anbelangt, schreiben Sie die Türken nicht zu früh ab. Denn die sind wohl derart rafiniert geworden, dass man gar nichts mehr merkt. Die wirklich Lehrbuchreife Nummer, die sich Herr Erdogan jetzt geleistet hat, könnte sogar unserem Herrn Schröder zum Nachahmen dienen:

Wie wird man mit dem Fundi-Betonkopfblock in den eigenen Reihen fertig?

(1)  Man schnurt einen Riesen-Reformpaket zusammen — der Betonblock blockt ab.
(2)  Man fügt eine wesentliche Änderung dazu, die das Wesen des Reforms untergräbt — die Opposition jault, EU übt sich in bedenken, aber Betonblock ist besänftigt.
(3)  Man lädt einen EU-Vertreter in verantwortungsvoller Position ein, und gibt in Klausurunterredung "gezwungenermaßen" nach — Reform gerettet, alle glücklich.

Wenn man sich vorstellt, wie herzlich die Herrn Erdogan und Verheugen sich hinter geschlossenen Türen wohl gemeinsam gelacht haben, bevor sie dann wieder heraus traten um der Presse die "Neuigkeit" zu verkunden, da erblasst doch sogar jeder Harald-Schmidt-Show.

Also, beim Türken müssten die Griechen das erstmal nachmachen...
Jedenfalls, das Rekordtief der SPD-Popularität beim Wähler ist wohl nicht der Verdienst der Opposition, sondern der eigenen Linken innerhalb der SPD selbst, oder?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  4. April 2004
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Islam in Europa bzw. Türkei in die EU
Ich mag die ausgewogene und objektive Art, wie der Tagesspiegel das Thema Islam und türkische Mitgliedschaft in der EU in seiner Berichterstattung und seinen Kommentaren behandelt. Deshalb einen kleinen Beitrag meinerseits über das, was vielleicht in der Diskussion etwas untergegangen ist.

Erstens, der Islam war bereits seit je her in Europa. Mehmet II eroberte Konstantinopel in 1453, knapp vierzig Jahre bevor Granada in 1492 an die Reconquista fiel. Also gab es eine kontinuierliche Präsenz seit Tariq in 711 die seitdem nach ihm benannte Straße von Gibraltar (Jab al-Tariq) erfolgreich überquerte.

Zweitens, die arabisch-islamische Kultur hat eine wesentliche Rolle darin gespielt, das altgriechische geistige Erbe zu bewahren und aufzuarbeiten, um es im Spätmittelalter an Europa weiter zu leiten. Man sagte damals in Europa, Aristoteles erklärte die Welt, und Averroes (d.h. Ibn Rushd) erklärte Aristoteles.

Drittens, ohne darüber wirklich im Klaren zu sein hat man eigentlich bereits vor 40 Jahren die Einbeziehung der Türkei in Europa beschlossen, und zwar als man massenweise türkische "Gastarbeiter" ins Land holte. Man behauptete später sogar, Berlin sei die drittgrößte türkische Stadt geworden — obwohl das vielleicht nicht ganz so stimmte. Aber in West- (und Mittel-)Europa gibt es heute vielleicht mehr Muslime als in Bosnien, Kosovo und Albanien zusammengenommen.

Es geht deshalb nicht darum, dass Europa mit der Türkei eine Brücke in die islamische Welt erhalten würde. Nein, es besteht schon längst eine Brücke der islamische Welt in die Europäische Union, und zwar eine von den Europäern selbst gebaute. Jetzt geht is nur noch darum, die über diese Brücke führende Einbahnstraße für den Zweirichtungsverkehr umzufunktionieren, damit sie gleichzeitig auch eine Brücke Europas in die islamische Welt werden könnte.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  23. Januar 2004
An: Den Tagesspiegel
Betreff: 7000 Enteignungen rechtswidrig (23.01.04, S. 1)
Das Urteil der Europa-Richter ist wirklich sehr begrüßenswert. Auch nach dem Ende des Kalten Krieges dürfen die Grundsätze der Freien Welt nicht zu leeren Floskeln für Sonntagsreden verkommen. Die eigentliche Tragweite des Urteils scheint aber von vielen übersehen zu werden.

Die DDR oder auch die UdSSR gibt es nicht mehr. Nur ausgerechnet Israel allein steht eigentlich wegen auch heute weiterhin praktizierten entschädigungslosen Enteignungen als aktuelle Zielscheibe des Richterspruches da (Nordkorea oder Kuba sitzen "nur" auf vor etlichen Jahrzehnten enteigneten Eigentum).

Die anzunehmende stillschweigende Hoffnung der Richter, somit dem Friedensprozess beizutragen, scheint in der Tat richtig zu sein. Denn die letzendliche Schaffung eines Großisraels, welches das eigentliche Ziel der fortdauernden Landenteignungen zugunsten immer neuer Siedler darstellt, würde bei einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit nur unter Bedingungen eines Apartheidsstaates in der angestrebten Gestalt können existieren. Man muss weder Staatskundler noch Ökonom sein um zu begreifen, dass das nicht von Dauer sein könnte, sondern sich irgendwann grausam rächen würde. Besser also, jetzt schon richtig zu handeln.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  13. April 2003
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Sind Sie ein Kriegstreiber? (13.04.03, S. 7)
Eigentlich fand ich die Behandlung der Iraq-Krise in "Der Tagesspiegel", aber auch in den Medien insgesamt — von der Boulevardpresse natuerlich abgesehen — sehr lobenswert ausgewogen und objektiv. Dagegen fand ich Darbietungen der neunmalklugen Komentatoren geradezu aergerlich. Waehrend fuer die einen Bush und Blaire die Buhmaenner zu sein schienen, waren es fuer die anderen Chirac, Putin und unser Bundeskanzler.

Aber, zunaechst einmal, war sicherlich Saddam der Verbrecher. Nun, wie man auch aus den billigsten TV-Krimis weiss, kommt man dann beim polizeilichen Verhoer am schnellsten zum Ergebnis, wenn einer der Beamten den hart zupackenden Brutalo spielt, und der andere den netten Verstaendnisvollen. In der Periode vor Ausbruch des Krieges hatten wir genau diese ideale Konstellation, und fuer eine friedliche Entwaffnung Saddams bestanden eben die besten Aussichten auf Erfolg: nicht weil Chirac & Co recht hatten, sondern Dank der "Doppelstrategie" Bush kontra Chirac (jeweils mit Verbuendeten).

Aber dann verlor George W. die Nerven — ihm waren wohl die naechsten Presidentschaftswahlen wichtiger. Er haette einiges von Frau Merkel lernen koennen. Denn sie hat beispielhaft ihre Pflicht als Oppositionsfuehrerin wahrgennommen zugunsten deutscher transatlantischer Interessen zu Zeiten der taktisch unvermeidbaren Konfrontation. Bush haette nur Colin Powell mit dem entsprechenden geheimdiplomatischen Auftrag auf den Weg schicken muessen, die NATO-Einigkeit im Hintergrund wieder zusammen zu kitten bei Aufrechterhaltung der Konfrontation nach aussen.

Stattdessen überliess er die Diplomatie Herrn Donald Rumsfeld. Und jetzt muss die Welt zusehen, wie sie mit der "Anarchie im Bereich des Rechts" (wie Antje Vollmer auf S. 2 der gleichen TSp.-Nummer vorfuehrt) nun fertig wird.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  18. November 2001
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Schwarzer Freitag für die Grünen (16.11.01, S. 1)
Ihren gelungenen Leitartikel zur Vertrauensabstimmung, "Schwarzer Freitag für die Grünen", las ich mit großem Gewinn. Auch allgemein finde ich die Weise, wie Der Tagesspiegel die diffizilen Fragen um Afghanistan und den 11. September beleuchtet und kommentiert sehr objektiv, informativ und ausgewogen, wofür ich Sie herzlich gratulieren und danken möchte.

Die Entscheidung zugunsten eines Bundeswehreinsatzes war moralisch nicht leicht zu treffen, war aber wie mir scheint völlig richtig. Sehen Sie, der junge Mann, der sich an ein kleines Mädchen vergreift und sie anschließend tötet war vielleicht selber als Kind vom eigenen Vater missbraucht worden. Aber spätestens von dem Moment an, als er sich an die Kleine vergriff, wäre jede Hilfe zu spät, und man wendet sich nicht mehr an den Psychotherapeuten, sondern an die Polizei. Genauso besteht es um die Taliban.

Das sind Kinder aus der Sowjetbesatzungszeit, aufgewachsen ohne Mütter und Geschwister in der Kälte von heruntergekommenen Heimen in einem fremden Land. Dann sind die Sowjetbesatzer vertrieben worden, aber statt dass Frieden ins Land einkehrt, bekriegen die siegreichen Mudschahedin sich gegenseitig. Da sind dann die jungen Leute zurückgekehrt um ihr geschundenes Land zu retten. Welches Volk wäre nicht stolz und dankbar für eine solche Jugend?

Es ist eine schreckliche Tragödie, und Herbert Grönemeyer hat leider unrecht: Man sollte Kinder nie an die Macht lassen, auch nicht junge Erwachsene. Es ist unfair, sie können den Auftrag nicht gewachsen sein, und stellen sofort ein tyrannisches Schreckensregime her. Aber die Talibanjünger hatten obendrein noch ignorante Religionseiferer als Lehrer und Berater: Bin Laden und sein Al-Quaida.

Sie hätten qualifizierte Hilfe gebraucht. Aber spätestens von dem Moment an, als die erste Flugmachine in den North Tower einschlug, hatte man keine andere Wahl mehr, als dieselbigen schicksalsgeplagten Jungs über den Haufen zu bomben. Man darf von Müttern nicht verlangen, dass sie auch nur Verständnis für soetwas hätten. Aber ein Bundeskanzler kann sich vor der Verantwortung nicht drücken, sondern muss die noch so schwere Entscheidung treffen.

Auch Bedenken über die in der Tat hässliche Inkaufnahme von zivilen Opfern ist hier fehl am Platz. Krieg ist immer grauenhaft, auch ein noch so netter Befreiungskrieg. Genauso grauenhaft ist die Verantwortung eines Scharfschützen bei der Auflösung einer Geiselnahme. Es können auch unschuldige Geisel oder Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber vergessen wir nicht, bei aller Dankbarkeit für die militärische Befreiung, der die Bundesrepublik ihre freiheitlich demokratische Verfassung verdankt, dass diese auch den Feuersturm von Hamburg und Zerstörung Dresdens mit einschließ. Und das waren nicht einmal Kollateralschäden, sondern gewollte Zielstellungen. Mit der Minimalisierung von Zivilopfern, wie in Afghanistan festzustellen, ist man nun Gott sei Dank ein großes Stück vorangekommen.

Eine Grünen-Politikerin versuchte die Skeptiker an der Basis ihrer Partei mit der Vorstellung zu beschwichtigen: Man stelle sich vor, die Grünen hätten mit "Nein" votiert, und wären jetzt raus aus der Koalition. Den Bundeswehreinsatz hätte man trotzdem bewilligt, nur mit anderer Mehrheit.

Man sollte sich vielleicht beim Fantasieren nicht auf halbem Weg bleiben: Man stelle sich vor, es wäre gelungen, George W. Bush zum Aufhören mit der Bombardierung Afghanistans zu überreden. Dann liefen die Frauen in Kabul heute noch vollverschleiert herum, Mädchen dürften nicht in die Schule, und Musik und Singen blieben weiterhin strengstens verboten, usw., usw.

Eines Tages, wenn etwas Gras über das Ganze gewachsen ist, sollte das afghanische Volk vielleicht ein Trauerdenkmal für die gefallenen Talibanjünger aufstellen, die schuldlos in eine herzlose Welt hineingeboren wurden, dennoch auszogen ihrem Land Frieden zu bringen, aber von allen Seiten ins Verderben geführt wurden, vor allem von den eigenen Mentors. Gott sei ihrer Seelen gnädig.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi


© Waruno Mahdi.

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