Waruno Mahdi’s

Virtuelles WebLOG — Deutsch III
— Kultur, Ethik, Recht, Politik —

WM
HINWEIS: Die auf dieser Seite zum Ausdruck gebrachte Meinung ist auschließlich die des Autors allein.
 
Datum:  18. Oktober 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Banken-Rettung: Die Komplizen (18.10.2011, S. 1)

Wie ich bereits in meinem Leserbrief vom 03.10.2011 schrieb (zu "Martenstein: Hoch die Tassen"), sollte man vor der Pleite stehende Banken nicht retten, sondern einfach pleite gehen lassen. Nicht nur dass die Steuergelderschenkung an solchen fehlverwalteten Banken unfair ist gegenüber ihren nicht in die Pleite geführten Konkurenten, hilft es nichts, sondern — wie man jetzt sieht — führt lediglich zur nächsten, noch tieferen Krise.

Wertlos gewordene "Wert"-papiere kann man nicht durch noch mehr ungedeckte Wertscheine aufpäppeln.

Mit am Rande der Pleite stehenden Staaten — etwa Griechenland — ist das in der Tat etwas anders, aber neue Krediten oder Schuldenerlasse werden auch da nicht helfen. Also gehen die ins Auge gefassten Rettungs-Maßnahmen, sowohl für die Banken, wie auch für Griechenland, ziemlich gründlich an das Problem vorbei, und stellen keine Lösung dar.

Der Hauptgrund der finanziellen Misere Griechenlands ist ja bekannt, und liegt nicht an etwaiger "Faulheit" der Griechen, zu hohen Gehälter, usw., sondern daran, dass Großunternehmen und reiche Bürger praktisch keine Steuern zahlen. Die Gelder werden einfach am Fiskus vorbei ins Ausland geschleust.

Die Lösung müsste also sein, bindende internationale Sperren gegen Steuerhinterziehung aufzustellen, und diese ggf. Ministaaten wie Liechtenstein, Luxemburg, Cayman Inseln usw. aufzuzwingen. Dann bräuchte man auch nicht CD-s mit illegal heruntergeladenen Bankdaten bei zwielichtigen Personen zu kaufen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

 
Datum:  3. Oktober 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Martenstein: Hoch die Tassen (02-03.10.2011, S. 1)

In der Tat hat Harald Martenstein auch meiner Meinung nach völlig recht, dass sich John Maynard Keynes starker blamiert hat als Karl Marx.

Zwar hatte Keynes insofern recht, dass der Staat sich nicht davor zurückhalten sollte, Schulden zu machen um die Konjunktur anzukurbeln, aber er hatte vergessen, bei Marx nachzulesen wieso.

Eine Wirtschaft funktioniert nur gewinnbringend insoweit die Einnahmen höher sind als die Ausgaben. Unter den Bedingungen eines ausgewogenen Ex- und Imports sowie einer ausbalancierten zwischenstaatlichen Geldbewegung wird — vereinfacht ausgedruckt — die Summe aller Einnahmen derjenigen aller Ausgaben gleichen. Wenn da Gewinn bei einigen gemacht werden soll, wird es zwangsläufig andere geben müssen, die Verlust machen. Damit im durchschnitt dennoch Gewinn gemacht wird, müssen irgendwo in die Geldzirkulation zusätzliche Mittel einfließen, sei es durch private Kreditaufnahmen, oder halt durch Verschuldung des Staates.

Es entsteht eine dauerhafte Konjunkturspirale, indem die Privat- und Staatsverschuldung ebenfalls spiralhaft steigt. Der Kredit von Heute wird mit dem Gewinn von Morgen beglichen, der die Aufnahme eines größeren Kredits verursacht, der wiederum mit dem Gewinn von Übermorgen beglichen wird, der seinerseits .... usw., usw.

Aus verschiedenen Gründen kommt das irgendwann zum Stolpern, dann gibt es eine Wirtschaftskrise (euphemistisch ausgedruckt: "Rezesion"), wobei es zu einer Vielzahl von Konkursen bzw. Pleiten kommt. Das wesentliche daran ist, dass sich im Verlauf der dauernden Konjukturspirale immer zahlreichere und größere leere “Wertblasen” gebildet haben, die nunmehr platzen müssen, damit man wieder vom Grund auf mit einer neuen Konjunkturspirale loslegen kann.

Da sieht man jetzt wo der Fehler in den politischen Versuchen lag, in der neuerlichen Bankenkrise die am Rande der Pleite stehenden Banken mit Milliardenunterstützungen zu retten. Die leeren Wertblasen hat man nicht platzen lassen. Stattdessen wurden sie nicht nur verschleiert, sondern zum Weiterwachsen behalten. Ganz davon abgesehen, also, dass es sich um einen einseitigen Eingriff handelte (die nicht-konkursbedrohten Konkurenten, die offenbar besser gewirtschaftet hatten, wurden hingegen nicht mit Milliardengeschenken bedacht), hat man das Problem gar nicht gelöst, sondern bis zu einer noch schlimmeren Krise vertagt.

Man hätte die Pleitebanken einfach pleitegehen lassen sollen, und die somit ersparten Milliarden eventuell dazu benutzen können, um private Kontoinhaber abzuhelfen*) ..... Aber die Direktoren hätten ihre Boni vermisst, während die spekulierenden Aktionäre mitsammt den Hedgefonds usw. leer ausgegangen wären. Quelle horreur!

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Späterer Nachtrag: Private Spar- und Girokonten bei Banken sind im Pleitefall offenbar bis zu einer Höhe von 100.000 Euro versichert,

Datum:  6. August 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Künast auf schwierigem Terrain (05.08.2011, S. 8)
— Grüne und Liberale streiten über Freiheit —

Nicht anders als in der Auseinandersetzung zwischen Demokraten und Republikanern (inkl. Teahouse) in den Vereinigten Staaten, wird auch bei uns der Begriff “Staat” leider nur allzuoft mit “Obrigkeitsstaat” verwechselt. Dies ist eine völlig inakzeptable Verleumdung eines freiheitlich demokratischen Staates. Wer gegen die Ausübung staatlicher Gewalt insgesamt agiert ist kein Demokrat, sondern ein Anarchist.

Nun ist natürlich auch bei uns nicht alles perfekt, da kann man sich schon etwa über gelegentliche Beambtenselbstherrlichkeit ärgern. Vielleicht glauben da auch welche allen Ernstes dass das Ganze besser funktioniert bei privatisierter Eisen- und Autobahn, Post und Bundesbank, und Abschaffung von Gewerbe- und anderen Aufsichtsbehörden, inkl. Kartellamt. Aber spätestens bei der Abschaffung oder Privatisierung der Polizei und Justiz wird ihnen klar sein, dass keiner mehr da ist um ihre Millionen vor Mafiosi und anderen Beutemachern zu schützen.

Jeder Geschäftsmann, der glaubt dass unser Staat die Steuern, die er hier zahlen muss nicht wert ist, sollte sein Unternehmen vielleicht nach Griechenland überführen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  16. Mai 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Radfahrer holen Schilderwald aus (15.05.2011, S. 9)

Den Behörden scheinen einige wichtige rechtliche Konsequenzen der blauen Schilder, die zur Benutzung eines Radwegs verpflichten, nicht bewusst zu sein.

Wenn ich einen Radfahrer verpflichte, den Radweg zu benutzen, muss ich auch dafür sorgen, dass selbiger Radweg immer benutzbar ist. Dass bedeutet erstens, dass der Radweg immer frei von Eis und Schnee bleibt. Wenn eine Behörde per blauen Schild den Radfahrer dazu verpflichtet auf einen Radweg zu fahren, der eher wie eine Skileupe aussieht (anbei: Foto vor Berliner Str. 30-33 vom 20.12.2010, 19:09 Uhr), sollte man sie wegen Nötigung anklagen dürfen, wenn nicht gar wegen versuchter Körperverletzung.

Zweitens hat der beschilderte Radweg nicht nur immer frei zu sein von Eis und Schnee, sondern auch von geparkten Autos, Müllbehälter, abgeschnittene Baumäste, usw. Auch hier besteht bei blauen Fahrradschildern Grund zur Klage wegen Nötigung falls nicht sofort abgeschleppt bzw. weggeräumt wird (laut bestehender Rechtsprechung darf der Radfahrer auch dann nicht mit seinem Rad über das geparkte Auto hinweg bewegen, wenn ihn das sollte gelingen können).

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
 

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Datum:  9. April 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Fast alle für Meyer (09.04.2011, S. 10)

Dass die Grünen plötzlich so weit vorn in der Wählergünst gekommen sind hat naturgemäß zwei Gründen: Die Grünen (sie haben sich mit Winfried Kretschmann zum Volkspartei entwickelt) und die Wähler (die Bürger sind nach Fukushima mehrheitlich Atomkraftgegner).

Dass die FDP gleichzeitig in der Wählergunst so weit abgestürzt ist hat, völlig analog dazu, ebenfalls zwei Gründen: Die FDP und das selbige Wahlvolk. Das mag vielleicht teilwiese an den Führungsstil von Guido Westerwelle gelegen haben, aber damit ist die Tiefe des Sturzes nicht zu erklären. Viel mehr dürfte diese an der durch Indiskretion publikgewordene Äußerung von Rainer Brüderle beim BDI liegen, denn damit ließ er dürchblicken, dass die FDP einerseits keine Volkspartei, und andrerseits für die Behaltung der Atomkraft sei.

Genau aus diesem Grund könnte die Behauptung Christian Meyers, dass es in Berlin, “bereits vier sozialdemokratische Parteien” (lies: “vier Volksparteien”) gibt, sich als Eigentor erweisen (übrigens, wer ist eigentlich nach seiner Bewertung die vierte, die Linken?). Zu Zeiten Hans-Dietrich Genschers, vor allem während der sozial-liberalen Koalition, war das öffentlich wahrgenommene Gesicht der FDP noch bedeutend vielseitiger.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  19. März 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Ein Mörder schlägt neue Wunden (19.03.2011, S. 28)

Der Magnus Gäfgen ist wohl nicht mehr zu helfen, zumal er jetzt fest dazu entschlossen zu sein scheint, jede Chance einer vorzeitiger Haftentlassung zu verspielen.

Was jedoch dessen angeblichen durch die unsanften Verhörmethoden verursachten Seelenschmerz anbelangt, so müsste dieser zunächst einmal gegen das seelische Leid des verhörenden Polizeikommissars aufgewogen werden, der aufgrund unseres freiheitlichen Rechtssystems auch dann angeklagt werden musste, obwohl er in der besten Absicht das Leben des entführten Kindes zu retten handelte.

Falls Magnus Gäfgen wirklich irgendjemanden für sein jetziges Schicksal schuldig machen will, so wären das allenfalls eventuell seine Eltern und Schulerzieher, die ihn mit der Erwartung aufwachsen ließen, dass die Welt ein einziges kuschelpädagogisches Hotel Mama ohne Mama sei.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  13. März 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Zentralrat der Juden: Islam wichtiger Teil (13.03.2011, S. 6)

Hut ab dem Zentralratspräsidenten, Herrn Graumann. Denn die vom neuen Innenminister Friedrich geäußerte These über die "christlich-jüdische" geschichtliche Kulturtradition Deutschlands birgt in sich, wenngleich vielleicht unbewusst, nicht nur eine verschleierte Holocaustleugnung in sich ("jüngste" Geschichte ist ja auch Geschichte).

Wenn man einmal auch die Religion zum Integrationsmerkmal deklariert, würde sich das konsequent ausgeführt nicht nur die Konvertierung aller Muslimen zum Christentum bedeuten, sondern auch aller Juden, Hindus, Buddhisten, Agnostiker, Humanisten, usw. Und müssten dann Evangelische in Bayern zum Katholizismus übertreten? Was ist mit Russich-, Serbisch-, Syrisch- und anderen Orthodoxen, Kopten, usw. mit Migrationshintergrund?

Mit der sprachlichen Integration ist das nicht anders. Sollten nun alle nach Bayern ziehende "Scheiß-Preisse" lernen mit bayrischem Akzent zu sprechen? Und was ist mit den Ostfriesen? Nein, denn Ostfriesich, nicht anders als Dänisch und Sorbisch, sind in der Bundesrepublik gesetzlich anerkannte "einheimische" Sprachen. Also wie will man eine für allen einheitliche Sprachkenntnis gesetzlich festlegen?

Sowohl Friedrich, wie auch Seehofer, haben zweifellos den nötigen Bildungshintergrund um von diesem Sachverhalt bewusst zu sein. Es handelt sich hier also um nichts anderes als an Stammtischrunden gezielte populistische Volksverdümmung nach Vorbild von Thilo Sarrazin.

Nur noch einen Punkt: Der arabisch-islamische Komponente in der europäischen Kulturtradition im allgemeinen, und in der deutschen im besonderen, beschränkt sich nicht auf zahlose Wörter arabischen ursprungs und den Spruch "ex orient lux". Im späten Mittelalter gehörte Kenntnis der arabischen Sprache zum Muss für jeden Scholasten und Wissenschaftler, der etwas von sich hielt. Etwas weniger bekannt vielleicht, wurde ein "dsch"-Laut in Fremdwörtern im 16. Jahrhundert gelegentlich mit dem Buchstaben "G" geschrieben (z.B. "Gonchium" für "Dschunke" in einer Länderbeschriebung aus dem Jahr 1534 von Michael Herr). Der Clou dabei: Das Wort gelang nach Europa über Arabisch, in welchem der Buchstabe "dschim" in den in Asien gesprochenen arabischen Dialekten als "dsch", in Ägypten und den maghribischen Ländern jedoch als "g" gelesen wird. Bei "Dschunke" ist die Schreibweise nachträglich "korregiert" worden. Aber z.B. bei "Gecko" (statt "Dschecko") ist das "G" erhalten geblieben, wohl weil sich die Lesart mit "g" verfestigt hat.

Und letztendlich, wollen die Herren von der CSU uns tatsächlich weismachen dass "Aladin und der Wunderlampe" und "Ali Baba und die vierzig Räuber" (erste deutsche Übersetzung im späten 18. Jh.) sich nicht bereits längst unter den deutschen Kindergeschichten "integriert" haben? Wir leben in einer kleinen, vollglobalisierten Welt. Die deutsche Wirtschaft hängt großenteils vom Welthandel ab. Während einige der Konservativen Deutsch als Pflichtsprache gesetzlich zu verankern versuchen, bemühen sich die Universitäten im Lande zurecht, Englischkenntnis unter den Studenten zu fördern. Also, sollten unsere Politiker doch bitte runter vom Dorfkirchenturm.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi


 
Datum:  5. März 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Hans-Peter Friedrich und der Islam (05.03.2011, Ss. 4 + 8)

Das Problem dürfte m.E. viel einfacher sein. Die bayrische Verfassung nennt die christliche Religion ausdrücklich, daher auch die Kruzifixe in bayrischen Schulen. Die Verfassung der Bundesrepublik ist in der Hinsicht etwas weltoffener. Ein frischgebackener Innenminister, gerade aus der Provinz in die Bundeshauptstadt gewechselt, muss sich sicherlich erst entsprechend umorientieren.

Wie auch immer, der Innenminister ist ja auch "Verfassungs[schutz]minister" und wird gerade deshalb nicht umhin kommen, sich mit unserer freiheitlich demokratischen Verfassung auch unter besonderer Berücksichtigung der Religionsfreiheit anzufreunden.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
(kein Muslim)

Datum:  4. März 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Mogelei mit Papa (04.03.2011, S. 13)

Sie berichten ausführlich über die bürokratischen Aspekte des Problems, aber leider etwas zu wenig über das Problem selbst. So bleiben die genaueren Umstände unklar, bei welchen eine ausländische Mutter mit Kind zum Weiterverbleib in Deutschland die (eventuell falsche) Vaterschaft eines deutschen Staatsbürgers vorweisen muss.

Denn oberflächlich gesehen, dürfte eine Mutter mit Kind, die für diesen Zweck eine Geldsumme zwischen 5000 und 10000 Euro ausgeben kann, nicht von Hartz 4 leben. Falls sie jedoch einen eigenen Einkommen hat, und dadurch auch Steuern zahlt, kann man sich doch — so man kein Verwaltungsbürokrat sei — nur freuen dass die Mutter mit ihrem Kind im Land bleibt. Denn bei solchen klugen Müttern wird man bestimmt davon ausgehen können, dass die Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Da braucht man sich nicht welche extra aus dem Ausland für viel Steuergelder ins Land holen ....

Vielleicht würde es sich summa summarum sogar lohnen, wenn der Staat die 5000 bis 10000 Euro Vaterschaftserklärungsbakschisch den Müttern bereitstellt, oder die Ausgabe zumindest Steuerabzugsfähig macht? (käme dann nur bei Steuerzahlerinnen zur Geltung).

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  2. März 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: zu Guttenberg (02.03.2011, Ss. 1,2,3,4,6,21,27)

Erschreckend, wie viele bereit wären, Herrn von und zu Guttenberg seine Mogeleien bei der Doktorarbeit zu verzeihen.

Tatsachen zu verharmlosen, oder gar zu verneinen, gehört (leider) zum politischen Alltag. Eine Doktorarbeit oder auch eine wissenschaftliche Veröffentlichung mit falschen Daten ist jedoch absolut unverzeihlich. Gelegentlich kommt das zwar vor, muss und wird immer ohne Gnade restlos aufgedeckt, mit entsprechenden Folgen für den Schuldigen.

Gerade deshalb hat Herr Guttenberg neben seiner damaligen mangelhaften Wissenschafler-Ehre jetzt auch eine schlechte Lagebeurteilungsvermögen unter Beweis gestellt. Wie hat er nur annähernd hoffen können, die einmal entdeckte Fälschung in einer wissenschaftlichen Arbeit noch unter den Teppich kehren zu können.

Er musste jetzt in erster Linie also deshalb zurücktreten, weil er sich als ein schlechter Politiker ausgewiesen hat.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  8. Januar 2011
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Lötzschs langer Marsch zum Kommunismus (6.1.2011, S.4) +
  + "Wir sind keine kommunistische Partei" (8.1.2011, S.4)

Das “Kommunismus”-Gerede von Frau Lötzsch und anderen wirklichen oder auch Möchtegernkommunisten ist bereits deshalb nur reines Gelaber, weil keiner von ihnen je auch nur den Versuch gemacht hat, die Gründe des Scheiterns aller bisherigen realsozialistischen Versuchen, den Kommunismus zu erreichen, zu erörtern. Leider ist dies auch von Kritikern des Kommunismus nie ernsthaft und sachlich zufriedenstellend in Angriff genommen worden.

Die kommunistische Ideologie versteht sich als “wissenschaftlich”, und ihre Gründer, zuallererst Karl Marx, sind soweit sie konnten streng logisch rational und unter Berücksichtigung der (damals) bestehenden Fachliteratur vorgegangen. Es sind trotzdem einige grundlegende Ungereimtheiten in den logischen Aufbau ihrer Ideologie eingeschlichen, die diese letztendlich genau so idealistisch wie alle anderen Utopien machte.

Die Realisierbarkeit der von ihnen als “Kommunismus” bezeichneten Gesellschaftsform ohne Geld und Eigentum, in welche jeder nach Maße seiner Fähigkeiten einbringt, und in welcher jeder das Nötige für seinen Lebensbedarf erhält, wenn die rein technischen Produktionsbedingungen einmal erfüllt sind, gründete sich auf die Annahme, dass alle Menschen gleichermaßen zu einem redlichen kollektivistischen Miteinanders veranlagt seien.

Jedoch bereits in seinem Werk “Das Kapital” zitiert Marx ausgiebig die Ergebnisse englischer Forscher, die feststellten, dass bei der Manufaktur, in welcher der Produktionsprozess in kleinste Bestandteile zerteilt wurde, besondere Fähigkeiten für jedes Arbeitsprozess benötigt wurden. Es ergab sich, dass man in jeder, auch relativ kleiner Gruppe von Arbeitern immer die nötige Bandbreite verschiedener Fähigkeiten und Veranlagungen vorfand. Denn keine zwei Menschen sind wirklich gleich.

Im realen Sozialismus musste man eine noch ernsthaftere Unstimmigkeit der kollektivistischen Veranlagungsgleichheit feststellen. Während man einerseits es trotz intensivster Überzeugungsarbeit nicht erreichen konnte, dass die Mehrheit sich freiwillig zum nötigen Arbeitsfleiss bewegen liess, gab es andrerseits eine kleine Minderheit, die sehr wohl fleissig arbeitete, sogar mehr als nötig. Während man nicht fähig war, einen redlichen Warenangebot in den Läden bereit zu stellen, hat jene fleissige Minderheit Privat- oder Familienläden betrieben, die trotz allem die Versorgungslücken zu überbrücken halfen. In China stellte Deng Xiaoping seinerzeit folgerichtig fest, dass nur mit der Freigabe einer kapitalistischen Unternehmensweise das Land erfolgreich industrialisiert werden liess. Wie man inzwischen weiss, hatte er recht.

Es ist auch nicht zuletzt infolge dieser Schwachstelle in der kommunistischen Ideologie, dass es zu der stalinistischen Diktatur kam. Man hatte das Land an die Bauer verteilt, stellte jedoch bald fest, dass nur ein Mindereit unter ihnen fleissig genug war um ordentlich zu wirtschaften. Alsbald konnte die fleissige Minderheit das Land der weniger fleissigen Nachbarn aufkaufen — man nannte die erfolgreichen Bauer “Kulacken”. In der Tat hätte man im bereits genannten “Das Kapital” nachlesen können, dass die Verteilung des Landes unter den ansässigen Bauern der erste Schritt zur kapitalistischen Industrialisierung in England war (das gleiche geschah bei der Meiji-Restauration in Japan). Damit errichtet man nicht “Kommunismus”, sondern Kapitalismus!

Zur Rettung der Situation entschied Stalin für die gewaltsamen Enteignung der Kulacken und zur Zwangskollektivisierung in der Landwirtschaft (der Anfang des Stalinismus). Das wurde dann zum Standardverfahren in allen sozialistischen Ländern. Geholfen hat das trotzdem nur wenig. Ich erinnere mich noch sehr wohl, als ich noch in einem Fabrik in der Sovietunion arbeitete (1970-1976), dass wir jedes Jahr in die Kolchosen mussten um die brachliegende Ernte einbringen zu helfen.

Man hat es nie geschafft, eine “kommunistische” Arbeitsmoral als Ersatz der “kapitalistischen”, d.h. der bürgerlichen Arbeitsethik zu erzeugen. Nicht nur dass Frau Lötzsch offenbar auch keine Vorschläge bereit hat, wie man das bewerkstelligen könnte, ich weiss nicht einmal so recht ob ihr das Problem überhaupt bewusst ist. Eine Reaisierung des “Kommunismus” ohne Lösung dieses Problems war und bleibt jedoch reinste Utopie. Vielleicht durch Genmanipulation mit anschliessendem Klonen? (Igitt).

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  9. November 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Volle Fahrt in den Frust (7.11.2010)

Ich fahre täglich mit dem Rad relativ lange Strecken. Ich habe Stefan Jacobs' Artikel deshalb mit großem Interesse gelesen, und kann aufgrund eigener Erfahrung das, was er schreibt bestätigen.

Dennoch muss ich zugeben, dass einige Mängel, die ich in meinem Leserbrief vom 13. Februar 2000 beschrieb, inzwischen behoben wurde. So wurde z.B. etwa ein Jahr später einen "Fahrräder frei"-Schild für die Einbahnverkehrsstrecke der Rüdesheimer Straße (Wilmersdorf) angebracht.

Es gibt einen Punkt, den Herr Jacobs vielleicht nicht gleich feststellen konnte, weil er noch nicht lange genug mit dem Rad unterwegs ist: Nicht genug, dass Reparaturarbeiten nicht ordentlich geplant werden, infolge dessen den Radwegbelag an ein und derselben Stelle wiederholt von Neuem aufgebuddelt wird, werden solche Stellen viel länger gesperrt gehalten, als dort eigentlich gearbeitet wird.

Zum Beispiel, bei der auch von Herrn Jacobs monierten "1,5 Meter schmalen Baustellengasse" auf der Yorcksraße: Auf dem Abschnitt vor der S-Bahnstation der Linie-S1 (zwischen den Manstein- und Katzlerstraßen) wurde der Radweg seit über einem Jahr wiederholt gesperrt und wieder frei gemacht. Auf dem beigelegten Foto vom 28.07.2010 sehen Sie wie nach Abschluss eines wiederholten Aufrisses des Belages der Radweg Wochen lang ohne Not gesperrt blieb. Am Wochenende nach diesem Foto wurde es einem offenbar zu doll, und ich sah wie ein Radfahrer die Sperrung seitlich verschob damit man auf dem Radweg wieder fahren konnte. Kaum eine Woche später wurde da wieder einen ganzen Tag gearbetet und die Sperrung danach ganz aufgehoben (Der jetzige Zustand der "Baustellengasse" besteht erst seit einigen Wochen wieder).

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi







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Datum:  28. August 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Mensch und Tier: Die Sünde des Fleisches? (22.08.2010, S. 1)

Wie Sie bereits eingangs völlig zutreffend bemerken, hat schon der Urmensch Fleisch gegessen. In der Tat stellt tierisches Eiweiss und Fett ein natürliches Bestandteil der ausgewogenen und gesunden menschlichen Nahrung dar.

Dass dies in unserer Zeit zu den in der Tat grauenhaften Folgen in der Tierhaltung führt, wie von F.S. Foer beschrieben, hat mehrere Gründen.

Einer davon ist die immer weiter wachsende Erdbevölkerung. Aber abgesehen davon, dass man die Erdbevölkerung um etwa 99% dezimieren müsste, um sie auf das Steinzeitniveau zurück zu bringen, sind jene Gräuel nicht hauptsächlich in unterentwickelten Ländern mit den größten und am schnellsten wachsenden Bevölkerungen zu beobachten. Es sind vielmehr die Industrieländer, wo die Bevölkerungszahl nur durch Zuwanderung halbwegs konstant gehalten werden kann, wo jene Gräuel in der Tierhaltung vornehmlich festzustellen sind.

Ein anderer Grund ist der übertrieben hohe Fleischanteil in der Nahrung in Industrieländern, der außerdem auch noch sehr ungesund ist, und zu Fettleibigkeit, hohem Bluttfett- und Cholesterinspiegel usw. führt. Also, schlecht für Tier UND Mensch. Dagegen würde eine Preiserhöhung durch Abschaffung der Subventionen bereits Abhilfe schaffen. Man könnte auch gewisse Formen der Tierhaltung und -transport schlicht verbieten (und dies auch wirksam kontrollieren). Wenn auch das alles nicht reicht, könnte man auch noch an einen besonderen Steuer auf tierische Produkte denken?

Kein Fleisch zu essen ist jedenfalls keine Lösung, da bin ich auch Ihrer Meinung, denn der menschliche Körper braucht Fleisch in der Nahrung. Es wäre auch nicht irgendwie "moralisch" geboten. In der Natur fressen viele Tierarten fortdauernd andere Tiere, der Mensch ist da also keine Ausnahme.

Übrigens, dass man hierzulande kein Hundefleisch isst (siehe TSp. v. 20.08. 2010, S. 21), ist kein Argument. Gläubige Juden und Muslime z.B. essen kein Schwein (auch kein Hund), Hindus kein Kuh. Dieselbigen verspeisen aber sehr wohl den Fleisch anderer Tiere. Und während wir hier überaus gern Schwein und Kuh zu uns nehmen, halten etliche Völker auf der Welt Hundefleisch für ein köstliches Leckerbissen. Beweist das auch nur irgendetwas?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  21. März 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Martenstein: Die 68er haben sich geirrt (21.03.2010, S. 1)

Herr Martenstein hat recht, auch nach meiner Meinung irrten sich die 68er, als sie in ihrem naiv jugendlichen Idealismus die totale Freiheit von jeglichen Verboten und Tabus verlangten. Zugleich demonstrierten sie damit ein Mal mehr, warum Erwachsene Verantwortung tragen gegenüber Kindern, so auch ältere Mitbürger gegenüber jungen Menschen.

Freiheit schließt in der Tat, wie Herr Martenstein schreibt, auch die Achtung der Freiheit der Anderen mit ein, und somit auch Mitverantwortung für die Allgemeinheit. Doch nur ein Teil davon ist unmittelbar oder zumindest im Verlauf eines Lebens erlernbar. Ein anderer Teil musste durch die Erfahrung vieler Generationen erlernt werden, um dann in der Form von Sitte, Tradition und Religion von Generation zu Generation weitergereicht zu werden.

Diese letzgenannten Überzeugungen basieren jedoch auf Einsichten aus Zeiten, als einerseits die Beobachtungsfähigkeit der Menschen weniger entwickelt war als heute, und andrerseits die Welt noch eine andere war. Da sich beide (die Menschen und die Welt) kontinuierlich fortentwickeln, muss und wird Sitte, Tradition und religiöser Glauben auch ständig revidiert und reformiert.

Herr Martenstein erwähnt zurecht die steigende Toleranz und Akzeptanz von geschlechtlich andersorientierten Mitmenschen. Mit den einschlägigen Argumenten erreicht man in der Tat die Mehrheit in unserer Gesellschaft, ob religiös oder nicht. Leider wird ein Teil der Menschen sich aber weiterhin an konservativen religiösen Grundsätzen der Vergangenheit gebunden fühlen. Man wird sie nur dann überzeugen können, wenn man das moderne Verständnis hierüber in die Rahmen ihres religiösen Weltbilds integriert:

Schauen Sie mal, Gott hat die Menschheit nicht als Ansammlung von Adam- und Eva-Klonen kreiert, sondern mit einer unendlich breiten Auswahl von physischen und mentalen Fähigkeiten und Neigungen. Wenn also der Herr es für gut gefunden hat, dass ein sicherer Prozentsatz der Menschen homo-, ein anderer bi- und ein weiterer transsexuell orientiert ist, dann haben wir Sterbliche das halt zu respektieren. Alles andere wäre doch Gotteslästerung, oder?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi


Späterer Nachtrag: Ein Sonderfall ist Pädophilie, denn da handelt es sich nicht mehr um einvernehmlich handelnden Erwachsene (consenting adults), sondern um einen groben Verstoß gegen die Schutzbedürftigkeit (und das Recht auf Schutz) von Kindern. Auch wenn ein bestimmter Prozentsatz der Menschen pädophil veranlagt sei, rechtfertigt das also nicht ihr Vergehen an Kinder.

Datum:  2. März 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Der Leib zittert, der Geist strebt / SPD-Gremium berät Sarrazins Ausschluss (02.03.2010, Ss. 1 + 10)

Wenigstens wusste Sarrazin schon bevor Westerwelle, wie man in den Schlagzeilen kommt und ständig in den Nachrichten bleibt. Er schaffte es außerdem, dass nicht einmal seine Hauptkritiker im SPD-Gremium ihm irgendetwas schlimmeres vorzuwerfen wissen als sprachliche Grobheit. Denn wer in der Behaupting, der produktive Beitrag von Mitbürgern türkischer und arabischer Herkunft sei auf Lebensmittel (Früchte und Gemüse) beschränkt, lediglich eine rassistische Aussage sieht, der weiss es selber nicht besser, und teilt somit im Prinzip jene lediglich unfein ausgedruckte Meinung.

Schlimmer als die unkultivierte Grobheit seiner Ausdrucksweise, ist aber dass diese und andere Behauptungen Sarrazins (z.B. über genetisch bedingte Neigung zur Arbeitslosigkeit) sachlich falsch sind, und nur von seiner fachlichen Inkompetenz zeugen. Mitbürger obengenannter Herkunft finden sich in allen Bereichen, von Apothekern und Boutiquebesitzern bis Zahnärzte und Zeitungshändler. Sie kommen auch unter gewählten Volksvertretern auf Bezirks-, Landes-, und Bundesebene vor.

Dient die Grobschlächtigkeit seiner Auftritte vielleicht nicht so sehr, in den Schlagzeilen zu kommen, als viel mehr seine Ignoranz zu verschleiern? Oder will er nur demonstrieren, dass auch die Beschränktheit seiner "prekariatsmäßigen" intellektuellen Fähigkeiten genetisch bedingt sei? Das wären vielleicht Fragen, die sein Gemüt etwas besänftigen könnten

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi


 
Datum:  17. Februar 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Und wieder Westerwelle (16.02.2010, Ss. 1, 2, 4, 8, 13)

Je erfolgreicher ein Politiker sein will, desto öfter muss er in den Nachrichten erscheinen. Wie das geht führt bereits seit über 100 Tage Herr Westerwelle uns vor. Es geht weniger um Inhalte, als viel mehr um den provokativen Wert seiner Auftritte.

Auch in Sachen Hartz IV ist das Gegenteil von Falsch nicht unbedingt Richtig, wie man längst bereits aus der Pendeltheorie weiß. Aber es provoziert, darauf kommt es Herrn Westerwelle wohl an. Doch wenn ein Teil der Arbeitslosen unter ihrer ezwungenen Arbeitslosigkeit leidet, ein anderer Teil hingegen in einer oder anderer Weise arbeitsscheu sei, kann ein Lösungsvorschlag, der alle über einen Kamm schert nur wenig taugen, ganz gleich über welchen Kamm.

Ob jedoch ein entsprechend ausgewogener, und erst dadurch wirksamer Lösungsvorschlag dann auch genug Aufmerksamkeit bei den Medien findet, um einen Politiker über Wasser zu halten, wäre die nächste Frage....

Der Teufel steckt im Detail. Die Grenze zwischen den zwei oben-unterstellten gegensätzlichen Kategorien von Arbeitslosen ist in der Realität fließend. Sicher ist nur, dass jeder einseitige Ansatz, ob der von Herrn Westerwelle, oder von den Linken, allenfalls geeignet ist um politische Pluspunkte zu erzielen, gewiss aber keine Lösung des Problems bringt, und deshalb letzendlich auch den jeweiligen wirklichen und vermeintlichen Klientelen nur schaden würde.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi


Späterer Nachtrag: Leicht nacheditiert.

Datum:  10. Januar 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Nachdrucken, um Druck zu machen (10.01.2010, S. 6)

<Zum Nachdruck der Mohammed-Karikaturen in Norwegen>

Wenn linksextremistische Autonome Luxuswagen anzünden als Rache an, oder auch nur "um Druck zu machen" gegen einzelnen Bank- und Industriemanagern wegen der Wirtschaftskrise, ist das in der Tat inakzeptabel und die reinste Selbstjustiz. Wie ist das denn, wenn eine ganze Religionsgemeinschaft beleidigt wird wegen des Irretats eines einzelnen Straftäters?

Wie würden glaubige Christen darauf reagieren, wenn jemand die pädophilen Straftaten einzelner Pfarrer oder Priester mit Jesus als "Täter" karikieren würde? Glaubensmotivierte Gewalttaten gibt es nicht nur unter Muslime. Ein christlicher Abtreibungsgegner hat in den USA einen Arzt totgeschossen.

In dem es den jetzigen Akt der journalistischen Selbstjustiz duldet und sogar lobt, untergrabt Norwegen die kulturelle Selbstachtung Europas und den damit verbundenen Begriff von Demokratie und Recht.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

 


Späterer Nachtrag: Ich habe mich zunächst gezögert, diesen Leserbrief online zustellen, denn ich möchte auf keinem Fall zum (erst kurz später losgetretenen) Medienrummel um das Canisius-Gymnasium (Berlin) beitragen. Pädophilen kommen (leider) in allen Religions-, Kultur- und Volksgemeinden vor, also auch (nicht mehr und nicht weniger) unter katholischen Priestern. Ich freue mich, dass Der Tagesspiegel sich in seiner Berichterstattung darüber korrekt und unvoreingenommen gehalten hat.

Datum:  3. Januar 2010
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Harald Martenstein: Auf Leben und Tod (03.01.2010, S. 1)

Glückwunsche Herrn Martenstein sowohl für die vortrefflich argumentierte Auseinandersetzung mit den linksautonomen Autoverbrenner, wie auch für die erfrischende Wiederbelebung der klassischen Art der Darlegung in Form eines Dialogs. Doch wurde vielleicht, wie übrigens auch von allen Anderen, ein Umstand übersehen, der für die Autonomen besonders peinlich sein dürfte.

Das Abwrackpremienprogramm zur Rettung der Autoindustrie musste wegen Knappheit der verfügbaren Steuermittel zeitlich (und mengenmäßig) begrenzt werden. Da kommen jetzt die Linksautonomen zur Rettung selbiger Industrie mit ihrem Abfackelprogramm. Nicht nur dass die Spezialisierung auf Luxuswagen die wirtschaftliche Effektivität jeder einzelnen Fackelabwrackung optimalisiert, aber es wird sichergestellt, dass nur vollkaskoversicherte Wagen eingeäschert werden. Die Abfackelpremie geht also nicht zu Lasten aller Steuerzahler, sondern lediglich der Vollkaskoversichertengemeinschaft, d.h. nur derjenigen Steuerzahler, die es besser leisten können (unabhängig davon wie viel oder wenig Steuern sie wirklich zahlen). Und Betrügereien mit Premienkassierung ohne wirkliche Abwrackung ist auch ausgeschlossen: Erst wird gefackelt, dann von der Versicherung gezahlt.

Tja, wer hätte das wohl gedacht: So viel Kapitalismusbegeisterung von linken Autonomen!

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  30. Mai 2009
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Im Bus der Atheisten + Atheisten machen mobil (29. Mai 2009, Ss. 1 + 28)

Oh Gott, oops, pardon, ich meine, ach du heilige Strohsack! Nach “ProReli” jetzt “ProGottlos”?

Ja, ja, der Weg vom frühkindheitlichen Glauben an den Weihnachtsmann, über die Entdeckung Australiens (“Downunder”), zum Nichtglauben an Gott, ist lang und voller Selbstzweifel. Denn, was wenn es Ihn doch gibt, ... oh jeh. Das dürfte wohl der Grund sein, weshalb eben diejenigen, die sich endlich dazu durchgerungen haben, nicht mehr an Gott zu glauben, auch zu den militantesten Atheisten mit entsprechendem Mitteilungsdrang gehören. Sie müssen vielleicht auch noch den Restzweifel im eigenen Unterbewusstsein überzeugen.

Es dauert sehr lang, bis man zu der Einsicht gelangt: Es geht nicht darum, ob es einen Gott gibt, Der von uns eventuell verlangt, an Ihn zu glauben, sondern dass wir es selbst sind, die an irgend etwas glauben müssen, damit wir in einer geordneten Gemeinschaft leben können.

Denn, wenn zwei Drittel der Berliner zu keiner Religionsgemeinschaft gehören, heisst das noch lange nicht, dass so viele nicht an Gott glauben. Die überwiegende Mehrheit dürfte sehr wohl an Ihn glauben, während fast alle der Übrigen lediglich nicht an einen personifizierten Gott. An Seiner Stelle glauben sie an genauso immaterielle, abstrakte Prinzipien, Werte, usw., die man genausowenig mit Geigerzählern, Minendetektoren oder Radargeräten aufspüren könnte. Die wirklich Gottlosen sind eine schwindend kleine Minderheit von nihilistischen Anarchisten.

Aber in Zeiten von Konkursen und Arbeitslosigkeit sind Bus-Kampagnen und ähnliche Initiativen sicherlich zu begrüßen. Schade nur, dass Opel keine Doppeldecker produziert.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
Datum:  22. April 2009
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Nach Geburt Baby entzogen (22. April 2009, S. 11)

Vielen Dank für den Bericht von Solveig Rathenow. Dass das Jugendamt das neugeborene Kind von der Mutter getrennt hält entgegen Urteile eines Verwaltungsgerichts und eines Familiengerichts is eigentlich skandalös.

Wenn man ein bis zu 2-Jahre altes Baby mehr als 48 Stunden von der Mutter getrennt hält, erleidet es psychische Störungen. Als erstes sollte man deshalb vielleicht in Erwägung ziehen, das Jugendamt im Namen des Kindes auf Schmerzensgeld zu verklagen.

Wieso glauben manche Behörden, dass sie über das Gesetz stehen, oder zumindest Gerichtsurteile ungestraft ignorieren dürfen? Vielleicht holt sie eine Anzeige wegen Kindesentführung wieder zurück auf den Boden?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  28. April 2009
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Nach der Abstimmung (28.04.09, S. 1)

Wie auch die meisten anderen, stellen Sie aufgrund der Abstimmungsergebnisse fest, dass Pro Reli von Anfang an keine Chance zu gewinnen hatte, und dass die Stadt noch immer sehr gespalten sei. Ich bezweifele dennoch, dass diese beiden an sich richtigen Feststellungen wirklich aus den gegebenen Abstimmungsresultaten abzuleiten sind.

Denn in Wirklichkeit stand nicht "pro Reli" zur Debatte, sondern "kontra Ethik". Die Freiheit, an Religionsunterricht teilzunehmen, bliebe sowohl bei einem mehrheitlichem "ja", wie auch bei "nein", für jeden Schüler erhalten. Nur die Teilname an Ethikunterricht bliebe bei einem "ja" nur noch denjenigen Schülern vorbehalten, die nicht an Religionsunterricht teilnehmen.

Zwar hätten vielleicht nicht alle potenzielle Wähler dies durchschaut, aber der verschleierte Etikettenschwindel muss trotzdem vielen ein unwohles oder verwirrendes Gefühl bereitet haben. Auf jedenfall widerspiegelt die Zahl der Ja-Stimmen gewiss nicht die vollständige Zahl der Bürger, die für Religionsunterricht sind, weder relativ, noch um so weniger absolut. Pro Reli hat mit der Etikettenverdrehung einfach sich selbst ein Bein gestellt.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

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Datum:  13. April 2009
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Harald Martenstein und “ProReli” (12/13. Apr. 2009, S. 1)

Aprilscherz mit kleiner Verspätung? Aber die ganze Verwirrung kommt in Wirklichtkeit wohl aus einer Begriffsklitterung, bei welcher “Ethikunterricht” mit “Humanismusunterricht” verwechselt wird.

Selbstverständlich sollten die Kinder Religionsunterricht bekommen, und es wäre sogar begrüßenswert, wenn dieser nicht auf freiwilliger Basis, sondern Pflichtfach wäre. Dies setzt aber nicht nur voraus, dass neben Katholisch, Evangelisch auch der Unterricht in Islam, Jüdischer Glauben, Hinduismus, Buddhismus, Griechisch- und Russisch-Orthodox usw., sondern auch Humanismusunterricht als eine der Alternativen zur Wahl stünde.

Im Ethikunterricht hingegen sollen die ethischen Grundlagen des öffentlichen Zusammenlebens in einer freiheitlichen und pluralistischen Gesellschaft in ihren verschiedenen Aspekten (inklusive religiösen) behandelt werden. Das gilt für alle Schüler, nicht anders als Mathe-, Sprach- oder Geschichtsunterricht, und darf nicht als Alternative zu Religionsunterricht betrachtet werden.

Deshalb liegt die ProReli-Initiative völlig daneben, und sollte man zu ProReli entschieden “NEIN” kreuzen, denn es hatte nicht “Ethik oder Religion” heissen sollen, sondern “Ethik UND Religion”.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

 


Späterer Nachtrag: “ProReli”, das wäre als wollte man die Schüler in der Biologie zwischen der Darwinschen Evolutionstheorie und Kreationismusunterricht wählen lassen. Natürlich haben wir Religionsfreiheit, und sollen Schüler über Garten Eden und Arche Noah erfahren, aber Biologieunterricht (inklusive Darwin) müsste trotzdem für alle Schüler Pflicht bleiben.

Datum:  15. Oktober 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Der Partyschreck (14 Okt. 2008, S. 21)

Ein dreifaches "Hoch!" Herrn Reich-Ranicki. Bei der Druckpresse hat man schliesslich ja auch, einerseits die serioesen Zeitungen und Magazine, andrerseits die Boulevard- und Regenbogenpresse. Bei den ersten informiert man sich, bei der letzteren, so man/frau das will, amuesiert man/frau sich bzw. schlaegt die Zeit tot. Die gleiche Rollenverteilung sollte es auch zwischen oeffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen geben, dafuer zahlt der Zuschauer schliesslich GEZ-Gebuehren.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  10. September 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: “Ich habe nichts Boeses getan” (10.09.08, S. 4)

Herr Friedbert Pflueger erinnert mich ein Bisschen an Uwe Barschel, als er wie ein ertappter Gymnasiast sein “ich gebe Ihnen mein Ehrenwort” zum Besten gab. Aber die Aehnlichkeit liegt hier m.E. nur an der Oberflaeche.

Wenn man tiefer schuerft, erscheint er wie das CDU-Gegenstueck zu Andrea Ypsilanti der SPD. Er verkoerpert die Generation, die ihre jugendlich und naiv gradlinige Vorstellungen ueber politische (und andere) Zusammenhaenge ins Erwachsenenleben behalten haben.

Aber die Politik ist nicht so wie sie ist weil Politiker etwa von Haus aus “toelpelhaft”, “faul”, oder gar “raffgierig” und “boshaft” sind. Es sind die objektiv gegebenen Umstaende, vor allem komplexe Querverbindungen und Rueckwirkungen, die die Politiker zwingen so zu sein, wie sie sind.

Irgendwann wird vielleicht die naechste Generation verstehen (wie es frueheren Generationen gelang), das die Aelteren nicht automatisch als dumm gelten sollen, nur weil man die Hinterguende noch nicht einsieht. Denn immer erst dann, wird man in der Lage sein, wirklich notwendige zeitgemaesse Verbesserungen einzubringen.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

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Datum:  15. August 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Casus Ypsilanti, oder das Ypsilanti-Syndrom

Ein Witz, wenn er zeitlich zu sehr in die Laenge gezogen wird, verliert seine Witzigkeit. Aber bei Frau Genossin Ypsilanti fragt man sich, ob da erst ueberhaupt je irgendetwas witziges daran war.

Eine Langzeitfolge des Jugendkults ist, dass vieles, das nicht in den Buechern stand, sondern von Generation zu Generation muendlich weitergereicht wurde, den heutigen agierenden nicht mehr unbedingt praesent ist.

Auch im politischen Handwerk wurde manch ungeschriebener Regel auf dieser Weise nicht mehr von den Juengeren aufgenommen. Sonst haette Frau Ypsilante vom Anfang an gewusst, wie der Standardausweg aus der Zwickmuehle, in der sie sich befand, schon immer war: Wie macht man als neugewaehlte Fuehrungsperson genau das, was man vor der Wahl gerade erst nicht zu tun versprochen hatte? Man gibt einem Stellverterter den Vortritt und laesst es ihn tun.

In diesem konkreten Fall haette Frau Ypsilanti einfach den hessischen SPD-Vorsitz behalten muessen, und eine von den Linken tolerierte Minderheitsregierung von einem anderen Sozi leiten lassen. Es waere ja sowieso nur etwas vorlaeufiges, bis zur naechsten Wahl. Da waere noch der Vorteil, dass alle von der zwangslaeufigen Wirkungslosigkeit einer solchen Regierung verursachten Negativschlagzeilen nicht direkt mit ihrem Namen verbunden sein wuerden.

Aber sie hat es gleich am Anfang bereits voellig verbockt. Jetzt wird auch die genannte Notloesung kaum noch helfen. Kappieren wird sie das wohl, wenn je ueberhaupt, vermutlich erst nachdem nicht nur in Bayern, sondern auch bei den naechsten Wahlen in Hessen die SPD gehoerig stimmen verliert.

Datum:  29. August 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Madonna (29.08.08, Ss. 1 + 11)

Wirklich hervorragend, die Show, und vor allem die kuenstlerische Leistung und der koerperliche Einsatz der Madonna. Haette es sich um eine Sportveranstaltung gehandelt, haette jeder gefragt: “Ist das schon Epo?”. Und damit haette man wohl auch eine Loesung fuer die Dopingprobleme im Sport: einfach nicht mehr als sportlichen Wettbewerb behandeln, sondern als reine Unterhaltung. Oder hat ein Kiffergestaendnis je die Popularitaet eines Artisten oder Kuenstlers geschmaelert?

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

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Datum:  27. August 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Sind die noch ganz sauber? (26.08.08, S. 22)

Es ist bezeichnend, dass die ganze Welt sich (zurecht) ueber moegliche Doping unter den olympischen Spitzensportler aufregt, jedoch kein Mensch mehr ueber die Ursachen redet.

Bei den Spielen in Melbourne 1956 war das noch ganz anders. Professionelle und durch Werbung finanzierte Sportler wurden noch strikt von den Spielen abgewiesen. Aber dann merkte man, wie die Ostblockstaaten die olympischen Spielen immer mehr zu propagandistischen Zwecken misbrauchten, und dafuer ihre Sportler materiell und finanziell foerderten, zum Schluss auch mit Dopingmitteln.

Um gleiche Chancen fuer die anderen Sportler zu sichern, musste das Verbot der gewerblichen Finanzierung aufgegeben werden. Der olympische Sport hoerte auf, Amateursport zu sein. Wo im Sport Geld im Spiel ist, wird Doping nicht mehr weit sein, siehe Tour de France.

Aber jetzt ist der Sport so sehr Teil des kommerziellen Unterhaltungsprogramms fuer die ganze Welt geworden, dass der Weg zurueck zum Amateursport wohl fuer immer geschlossen ist. Sport ist immer weniger Sport, und immer mehr Showbusiness. Das ist mit Fussball so, mit dem Tour de France und wohl auch mit der Olympiade. Richtiger Wettkampf besteht nur noch zwischen Erfindern neuer Dopingmethoden und Entwicklern neuer Dopingtests.

Mit traurigen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  17. August 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Heroin vom Amt (17.08.08, S. 12)

Die ganze Fragestellung, “Pro” oder “Kontra” Heroinabgabe an Langzeitabhaengige (“harte Drogen auf Rezept?”), fuehrt m.E. nur an das eigentliche Problem und eventuellen Weg zu dessen Loesung vorbei. Lesen Sie doch nur die zwei letzten Saetze in Ihrem Bericht vom Tag zuvor (“Das war grauenhaft”, TSp. 16.08.08, S. 11):

      «

“Eine Therapie ist meine einzige Chance”, sagte die Angeklagte gestern. Das Gericht verurteilte die junge Frau zu vier Jahren Haft und Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.»

      

Warum muss ein Drogenabhaengige erst, wie in diesem Fall, eine lange Verbrecherkarriere (vierzehn Vorstrafen!) hinter sich bringen um die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt zu verdienen?

Nennen wir doch die Dinge beim Namen: Heroin is ein Rauschgift. Soll der Staat nunmehr seine Buerger vergiften? Statt Heroin- (und Methadon-)abgabe sollten Strafrechtlich auffaellig gewordene Drogensuechtige gleich beim ersten Mal in die Entziehungsanstalt. Wenn man sie dann fuer den Wiederholungsfall den "Cold Turkey"-Entzug androht (und dies dann auch konsequent durchfuehrt), wuerde man schneller zum positiven Ergebis kommen. Die eingesparten Steuergelder liessen sich bestimmt zu besseren Zwecken verwenden.

Man engt damit das Selbstbestimmungsrecht eines jeden freien Buergers keineswegs ein. Wenn besagter Buerger aber selbst den Nachweis liefert, von seiner Freiheit ueberfordert zu sein, indem er infolge seiner Sucht straffaellig wird, kann es doch nicht falsch sein, wenn der Staat ihn mit dem angemessen behutsamen Zwang im Entziehungsanstalt unter die Armen greift?

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  23. April 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Ich wuerde es wieder machen (23.04.08, Ss. 1 + 31)

Wie dumm, aus Fehlern nichts zu lernen.
Die intellektuell aufgeklaerte Auseinandersetzung mit Religion und Aberglaube war mal in der Tat ueberaus mutig und anerkennenswert, bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts. Dann gingen Forscher den anthropologischen Ursachen des menschlichen Hangs zur Religiositaet nach.

Inzwischen leben wir im 21. Jahrhundert, und sich heute noch so zu gebaerden, als waere da irgendetwas “heroisches” in der Verletzung religioeser Gefuehle anderer ist schlicht erbaermlich. Bei den Karikaturen Kurt Westergaards, nicht anders als beim “Fitna”-Film des Geert Wilders, handelt es sich um nichts als billige intellektuelle Selbstbefriedigung.

Der Satz “Die Karikatur hat bei Muslimen in aller Welt zu heftigen Protesten gefuehrt, es gab mehr als hundert Tote” ist falsch. Es dauerte mindestens 5 (fuenf!) Monate, eher islamistische Hardliner es schaften, die Karikaturen zur Provozierung von Unruhen zu instrumentalisieren. Die Karikaturen haben gegen den Glauben von friedlichen und frommen Muslimen nichts bewirkt, dafuer aber den radikalen Extremisten eine riesengrosse Hilfe geleistet. Also haben sie genau das Gegenteil von dem erzielt, was einige denen gerne zuschreiben wollen.

Wir sind nicht im Schuluntericht, wo man gerade den 18. Jahrhundert behandelt. Wachen wir auf, mit solchen Traeumereien loest man die Probleme von heute nie und nimmer.

Mit freundlichen Gruessen
Waruno Mahdi

Datum:  6. April 2008
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Frau nach 27 Jahren abgeschoben (06.04.08, S. 13)

Zunächst einmal, einen großen Lob an C.v.L. und dem Tagesspiegel dafür, hierüber berichtet zu haben: 51-jährige Nicht-Türkei-Staatsangehörige, Mutter von 7 (sieben!) Kindern, alleine, ohne türkische Sprachkenntnisse, praktisch mittellos in die Türkei abgeschoben.

Na gut, es wäre vermutlich zuviel von der Justiz verlangt, den hierfür verantwortlichen Beamten anzuklagen und zumindest “auf Bewährung” zu einer Gefängnisstrafe zu verurteilen. Mann kann offenbar von einem Beamten nicht verlangen, Artikel 1, Satz 1 des Grundgesetzes (die Würde des Menschen ist unantastbar ...) auch auf eine staatenlose “Gebärmaschine” anzupassen.

Aber ein kleines Diziplinarverfahren wegen Unkenntnisses, dass die türkische Staatsbürgerschaft, zumal an eine in Libanon geborene, mit einem Libanesen verheiratete, nicht türkischsprechende Frau, nicht von einem deutschen Beambten zu verleihen sei, wäre das auch noch zu viel des Guten?

Wetten, dass der Beamte bzw. die Beamtin, selbst vielleicht kinderlos, nur neidisch war, dass ausgerechnet diese dahergelaufene Zugewanderte sieben Kinder an das kinderarme Deutschland geschenkt hat. Vielleicht alle wohl integriert und assimiliert auch noch! Da musste man/frau doch irgendetwas tun, um dem erstrebten Hass gegen Deutschland vorschub zu leisten. Wie sollte denn al-Qaida sonst ihr Pensum an Bombenlegern und Selbstmordattentätern zusammenbekommen? In der Tat, welch ein Mittel-Nutzen-Verhältnis: nur eine abgeschobene Person, und gleich sieben hypothetische Terrorkandidaten, die zwei Enkel und alle eventuelle Lebensabschnitts- und Ehepartner noch nicht mitgezählt!

Ach ja, was ich noch fragen wollte: Wie lautet eigentlich der Eid, den man bei der Verbeamtung leistet?

Mit traurigen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  15. Dezember 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: immer noch “Mindestlohn” (15.12.07, S. 4)

Das Gedöns über Mindestlohn für Postangestellte fängt allmählig wirklich zu nerven. Wie lange will man denn weiter so tun, als wüßte man nicht weshalb Postangestellten ein Mindestlohn garantiert werden muss?

Erstens ist da das Postgeheimnis (GG Art. 10, Abs. 1), dessen Gewährleistung praktisch auf den Schultern der Postangestellten liegt. Dann kämen noch erschwerend hinzu: Das Arztgeheimnis, das Anwaltsgeheimnis und Bankgeheimnis, wegen Briefverkehrs zwischen Arzt und Patient, Anwalt und Mandant, Kunden und Bank, und nicht zuletzt zwischen Steuerzahler und Finanzamt. Vergessen wir auch nicht, dass Kontoauszüge, Kreditkarten, ja sogar Kreditkarten-Passwort, heutzutage per Post zugesandt werden.

Auf jeden Briefträger lastet eine große Verantwortung, welche auch entsprechend belohnt werden soll. Würden Sie sich wohl fühlen, wenn Ihr Briefträger wegen Dumpinglohns täglich mit der Versuchung kämpfen müßte, Briefgeheimnis wahren oder die Kinder satt und warm?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  23. September 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: “Die Kunst, ein Antichrist zu sein” (23.09.07, S. 1)

Ich freue mich immer über die Beiträge von Harald Martenstein, aber insbesondere natürlich wenn sie die Sprachwissenschaft tangieren.

Von “Pfaffen”, nicht anders als von “Mullahs”, weiss man ja seit je her, dass die “intellektuell sparsamer” ausgerichteten unter ihnen dies gern durch überzogen fundamentalen Rückkehr in das Dunkel der Vorzeit zu verschleiern versuchen, aber sich erst dadurch um so deutlicher als “entartet” enttarnen.

Dabei wäre es eigentlich für jeden ein Leichtes, hier das E-Wort zu vermeiden, wenn er das wollte. Der Ausweichbegriff lautet “degeneriert”. Müssten katholische Priester nicht Latein beherrschen? Denn historisch war dies wohl der ursprüngliche Begriff, den man seinerzeit mit der deutschen Lehnübersetzung (de- = ent-; gener[a] = Art[en]; -iert = -et) ausweichen wollte, bevor letztere dann im NS zweckentfremdet wurde.

Dann stellt sich noch die Frage, wer eigentlich vom anderen abgekupfert hatte, die Sowjets unter Stalin ihre bourgeoise “degenerierte” Kunst, oder der NS seine “entartete”?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  31. August 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Mügeln: FDP distanziert sich (31.08.07, S. 4) + azp (S. 8)

Mügeln-Bürgermeister Deuse hat sich in der Tat ziemlich bloßgestellt, wie Sie sehr treffend bemerken. Es bleibt aber in der allgemeinen Diskussion ein Punkt unerwähnt, der wie mir scheint in der Beweisführung von Bedutung sein könnte:

Dass es in Mügeln um eine rechtsradikale Ausschreitung handelt geht m.E. nicht nur, und sogar nicht so sehr aus den ausländerfeindlichen Ausrufen, die gemacht wurden hervor. Entscheidend war vielmehr das zahlenmäßige Verhältnis von 50 Angreifern zu 8 Angegriffenen.

Normalerweise wird ein physische Auseinandersetzung zwischen Jungs, jungen oder auch erwachsenen Männern 1 gegen 1, “Mann gegen Mann ”, ausgetragen. Auch wenn Kumpels oder Begleiter, sogar ganze Cliquen des einen oder der beiden anwesend sind, stehen die anderen in einem Kreis rings um sie herum, während die zwei Streithähne ihre Differenz untereinander ausprügeln. Das ist bei allen Völkern der Welt so, auch wenn die Prügelnden (samt Cliquen) zu verschiedenen ethnischen oder sonstigen Gruppen gehören.

Anders ist das zunächst bei Bandenkriegen oder bei einer Lynch-ähnlichen Mobbing. Da es sich im Fall von Mügeln nicht um einer der letztgenannten handelt, bleibt nur eins:

Rechtsradikalismus ist im Gründe genommen eine Bewegung van “Losern”, die sich am untersten Rang der Gesellschaft befinden, oder zu befinden wähnen. Die Bewältigung ihres Minderwertigkeitsgefühls sehen sie in der rechtsradikalen Gewalt. Aber wegen ihres Minderwertigkeitskomplexes scheint eine Auseinandersetzung 1 gegen 1 für sie ausgeschlossen zu sein. Bleibt nur mit vielen gegen einem oder einigen wenigen, am liebsten gegen Minderheiten, etwa Behinderten, Obdachlosen, oder halt Ausländern, vorzugehen, und bewaffnet gegen unbewaffnet.

Für anderen wäre ein solches Verhalten ausgesprochen feige, aber Rechtsradikale sehen halt keinen anderen Weg. Die Verwerflichkeit und Feigheit ihres Handelns ist ihnen außerdem durchaus bewusst, und deshalb werden sie sich immer hinter der Anonymität des Mobs verstecken, und niemals zu ihrer Tat stehen. Sie werden feststellen, dass in allen bekannten Fällen von rechtsradikaler Gewalt, sowohl gegen Ausländern, wie auch gegen Einheimischen, die Zahl der Angreifer fast immer ein Mehrfaches der Zahl der Opfer darstellte. Es handelt sich oft sogar um ein ziemlich extreme Zahlenverhältnis, nicht einmal “nur” 2 oder 3 zu 1.

50 gegen 8 heißt mehr als sechs zu eins! Eben hierdurch haben sich m.E. die Hetzer in Mügeln am deutlichsten als Rechtsradikale geoutet. Dazu kommt noch die beharrliche kollektive Weigerung, sich zu ihrer Tat zu bekennen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

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Datum:  22. August 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Kein Herz für Inder (22.8.07) + Ermittlungen Hetzjagd... (21.8.07)

Danke für die sachliche und gut recherchierende Berichterstattug über den Vorfall in Mügeln. Man hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass ein gewisser Teil der Bevölkerung anfällig ist für Vorurteile gegen Türken, Arabern, Afrikanern. Das die Opfer des jetzigen Vorfalls Inder sind zeugt, wie mir scheint, von einer besorgniserregenden Steigerung rechtsextremistischer Verblödung. Das verlangt in der Tat auch nach einer Steigerung der Bemühungen gegen rechtsextremistischer Unterwanderung der Gesellschaft.

In dieser Hinsticht war eine Verlautbarung wie “So ein Gewaltexzess ist nicht hinnehmbar” vielleicht ganz aktuell in der Vergangenheit, aber heute bedeutet das allenfalls, man will immer noch Verharmlosungen von der Art “Bei uns gibt es keine rechtsextreme Szene” dulden. Vielleicht sollte man einfach klip und klar sagen, dass “so eine Verharmlosung der Situation nicht mehr hinnehmbar” sei.

Denn, man sieht ja wohin das führt: Sogar Inder werden jetzt zu Opfern. Der Fairness wegen sollte vielleicht noch daran erinnert werden, dass es im Osten auch ein Bürgermeister indischer Herkunft gibt. “Inder- klatschen” ist also nicht nur seit je her völlig “undeutsch”, es ist auch völlig “unostdeutsch”.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  15. April 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Oettingosaurius filbingophilus

Der in der Tat ungeheuer peinliche Auftritt Herrn Oettingers hat mich ganz speziell in zweierlei Hinsicht beeindruckt:

Erstens, weckt die anfänglich positive Resonanz in Teilen der Union um die Gegend “Südwest” bei aufmerksamen Lesern mit Migrationshintergrund sofort die Erinnering, dass man eben in Baden-Würtenberg das berühmte Testformular für Einbürgerungswilligen eingeführt hatte. Nach welch Deutschlandbild bzw. -verständnis eines Antragsstellers sollte da mit dem Test nachgeprüft werden? Was mich bereits damals überraschte: Dem Test sollten lediglich Muslime unterzogen werden. Aber dann fand ich gleich die Antwort zum Rätsel: Es wurde u.a. nach der Akzeptanz der Benützung von Kondomen gefragt, und solch eine Frage einem katholischen Einbürgerungskandidaten zu stellen wäre ja gewiss taktlos gewesen. Ist wohl doch nicht so einfach, nicht nur für Zugereiste, in diese unsere Republik anzukommen.

Womit wir dann beim “Zweitens” wären: Bevor ich vor 30 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich 20 Jahre als Ausländer in der Sowjetunion verbracht, die letzten 7 Jahre als Fabrikangestellte in einer Kleinstadt, und kenne deshalb das Leben in einem realexistierenden sozialistischen Staat aus erster Hand. Etwas, dass mich bereits damals beeindruckte war, dass die überwiegende Mehrzahl der IMs (die u.a. auch über mich regelmäßig rapportierten) und der Sicherheitsmitarbeiter (mit welchen ich ebenfalls in Anrührung kommen musste) handelten aus der ehrlichen Überzeugung, ihre moralisch gegebene Pflicht zu tun. Deshalb hatten etliche (auch eine Freundin, mit welcher ich gerade ein Verhältnis hatte) mir dies alles in der ehrlichen Erwartung meines Verständnisses auch zugegeben. Nun sind da nicht nur Frau und Kinder von Filbinger, sondern auch die unzähligen IMs, Stasi-Mitarbeiter, Ost-Nachrichtendienstler und Mauerschützen haben Frauen und Kinder, die gern dasgleiche erzählt bekommen würden, womit Herr Oettinger die Filbingers (und vielleicht auch sich selbst) vertröstete.

Dabei sollte man nicht vergessen, dass Herr Filbinger nicht irgendwo an der Front sein Leben fürs Vaterland riskierte (wie manch ein in der Bundeswehr noch als Vorbild eingesetzte Heldenfigur). Er hat aus einem bequemen Stuhl heraus die eigenen, deutschen Landsleute in den Tot geschickt (wiederum ohne selbst den Abzug zu ziehen), und wenn ich mich recht erinnere, wurde das letzte seiner Todesurteilen zu spät vollstreckt, als es wegen der Kapitulation eigentlich nicht mehr rechtskräftig war. Na gut, das macht aus ihm noch lange keinen “Kriegsverbrecher”, aber muss er denn gleich seliggesprochen und als Held gefeiert werden? Und vor allem, wie erklären wir das mit dem In-Unsere-Republik-Ankommen jetzt den Ossis? Desgl. den neueinzubürgernden Migranten?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  23. März 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Scharia in Deutschland? (22.03.07, S. 36)

Ich bin mit Ihrem Bericht über das in der Tat skandalöse Urteil völlig einer Meinung, und möchte Sie außerdem ganz herzlich zum Nachdruck und Erklärung von Sure 4, Vers 34 des Korans gratulieren.

Dennoch, ehrlich gesagt finde ich die ganze Aufregung um diesen Aspekt des Urteils etwas übertrieben. Weit schlimmer is etwas völlig anderes:

Es ist Teil der Rechtsprechung, dass sich die Ehe auf gegenseitiger Liebe gründet (wenn diese nicht vorhanden war, ist das sogar ein Grund, die Ehe nachträglich für nichtig zu erklären). Nun ist es nicht nur so, dass Liebe sprichwörtlich blind sei, gerade für Richter müsste es ein Begriff sein, wie schwierig es für eine Frau sein kann, gegen ihrem prügelnden Ehemann auszusagen (“eigentlich ist er ganz lieb”, “er meint es nicht so”).

Deshalb ist das eigentlich skandalöse an diesem Fehlurteil m.E., dass die Richterin von der Frau verlangte, sie hätte es zum Zeitpunkt der Eheschließung “besser wissen sollen”. Ich finde, dass ist mit deutschem Recht nicht vereinbar, Koran hin oder her.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  1. März 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: nochmal Christian Klar (TSp. v. 01.03.07, S. 1)

Ich fürchte, dass der baden-würtembergische Justizminister und bayerische Innenminister bei ihrer Begründung der auch m.E. zurecht abzulehnenden Hafterleichterung Herrn Klars da dem letzteren auf den Leim gegangen sind.

Wichtig hier ist nicht das, was Klar in seinem Grußwort geschrieben hat (jeder WASG-Trotzkistin hätte eine solche antikapitalistische Tirade nicht weniger effektvoll hingekriegt, dabei im übrigen auch Globalisierung und Neoliberalismus nicht unerwähnt gelassen). Viel bedeutsamer ist was er NICHT erwähnt hat.

Als Grußwort vom letzten nicht zur Freilassung vorgesehenen RAF-Terroristen wäre das eigentliche Thema, das gezählt hätte, seine Einschätzung über den von der RAF praktizierten Einsatz von Gewalt gewesen. Das wäre DIE Gelegenheit gewesen, den “Genossen” zu beichten, dass er das jetzt, zurückblickend, für falsch hält. Indem er dies unterbleiben ließ, sagte er somit, dass er immer noch zu jener Gewalt stünde. Eben aus diesem Grund darf er keine Haftverschonung bekommen.

Die genannten Minister erwecken hingegen den Eindruck, dass dies vielmehr mit Klars fortdauernder antikapitalistischer Gesinnung begründet sei. In einem freiheitlich-demokratischen Staat hat keiner wegen seiner Gesinnung zu sitzen, und zu suggerieren, dass dies nicht so wäre, spielt nur den radikalen Linken und Klar direkt in die Hände. Am nächsten 1. Mai wird man sehen, ob sie diesen Wink verstanden haben. Die Polizeibeambten, die das dann direkt zu spüren bekommen, werden den Ministern sicherlich nicht übermäßig dafür dankbar sein.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

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Datum:  27. Februar 2007
An: Den Tagesspiegel
Betreff: wg. Christian Klar (27.02.07, Ss. 1 & 4)

Danke für die objektive Dokumentation (inkl. Wortlaut des Aufrufs auf S. 4), dass dem Leser die Bildung einer eigenen Meinung erlaubt.

Christian Klar ist wohl wirklich nicht zu helfen, nicht so sehr wegen seiner abstrusen Weltanschauung (Deutschland ist kein Gesinnungsstaat, sondern die Meinungsfreiheit ist hier von der Verfassung garantiert).

Was dem RAF-Terroristen zurecht lebenslängliche Haftstrafen brachte war der kaltblütige Mord an politischen Gegnern sowie Unbeteiligten. Es ist die blinde, ins Absolute gesteigerte Selbstgerechtichkeit, mit welcher ein “moralisches Recht” auf Tötung in Anspruch genommen wird, welche sowohl die RAF-Terroristen, wie auch Selbstmord-Jihadisten kennzeichnet. Solange Christian Klar das nicht einsieht, und sich nicht erkennbar davon distanziert, wäre eine Freilassung auch meiner Meinung nach verfrüht.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  11. November 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Stuttmann-Karikatur (11.11.06, S. 10)

Die Stuttmann-Karikatur auf der Meinungsseite (Sonnabend, 11.11.06) — Soldaten spielen Fussball mit Totenschädel — fand ich ausgesprochen geschmacklos. “Spielzeitverlängerung um ein Jahr”, heißt es da.

Nicht nur bin ich sicher, der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr wird von keinem als "Spielzeit" empfunden, am allerwenigsten von den beteiligten Soldaten selbst, sondern schon die scherzhafte Anspielung allein muss für sie geradezu beleidigend sein. Ganz gleich, welche individuelle Verfehlungen die einen oder anderen unter ihnen begangen haben mögen — von Soldaten erwartet man, eventuell ihr Leben einzusetzen, nicht aber sich wie Heilige zu verhalten — so etwas wie diese Karikatur haben sie nicht verdient!

Im Übrigen: Historisch soll man am Hindukusch in der Tat mit Menschenköpfe gespielt haben, aber nicht Fußball, sondern Polo. Das aber natürlich nur am Rande bemerkt.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  4. Mai 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Mensch Affe (04.05.2006 S. 32)

In der Tat, Menschenrechte sind für Menschen. Der redliche Umgang mit allen übrigen hominiden Affenarten (Bonobos, Schimpansen, Orang-Utans und Gorillas) ist durch die Tierschutz-Gesetzgebung geregelt. Zwar könnte man aufgrund der hohen Intelligenz dieser den Menschen am nächsten stehenden Tierarten vielleicht irgendeine Sonderstellung einräumen (vgl. den analogen Fall mit Delfinen), aber sie gehören trotzdem nicht in die Kategorie “Mensch”.

Denn nur bei Homo sapiens ist die Struktur des sozialen Zusammenlebens nicht durch Instinkt allein geregelt, sondern auch durch Kultur. Nur dadurch ist es möglich, das es eine derartige vielfalt an Gesellschaftsformen und -strukturen gibt: endogame, exogame, polygame, monogame, stratifizierte und nicht-stratifizierte, demokratisch und despotisch geführte, usw.

Eben weil Instinkte allein keine zwingende Wirkung mehr auf Menschen haben, bedürfte es für die strukturelle Stabilität einer menschlichen Gemeinde zusätzlich noch ethische Prinzipien, etwa in der Form von Tradition, Religion, Recht, usw. Infolge dessen kann es Rechte und Pflichten auch nur für Menschen geben.

Falls man Primaten aber trotzdem Grundrechte geben will, müssten sie auch Pflichten bekommen, und müsste dann auch ein Strafrecht her für sie. Dass dies unsinnig ist, versteht jeder, warum dann nicht dass auch das mit den Grundrechten genauso unsinnig ist?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  15. April 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Hitzige Debatte/Das Verfahren/Ein Urteil (15.4.06, Ss. 1, 3, 7)

Der Berg kreischte, und gebier eine Maus? Nein, weit schlimmer noch, das ist eine größt anzunehemende Justizblamage, ein ungeheuerlicher Schlag gegen unser Rechtsystem, woran neuaufgenommene Staatsbürger sich eigentlich zu orientieren hätten.

Es ist weder dem Kläger noch dem Gericht gelungen, die Ehrlosigkeit und Verwerflichkeit der begangenen Tat darzustellen, so dass man die älteren Brüder und den Vater in voller Überzeugung ihrer “moralischen Überlegenheit” davongehen liess. Sogar die Perspektive, man wolle doch dieses Land verlassen und zurückkehren in die türkische Heimat, wurde durchkreuzt. Denn dort wird so etwas viel strenger geahndet. Besser aufgehoben bzw. “angekommen” müssten sie sich also eben gerade hier fühlen, bei unserer Justiz.

Der einzige klitze-kleine Lichtblick in dem Urteil ist, dass der jüngere Bruder nach Jugendrecht verurteilt wurde. Damit würdigte das Gericht wenigstens, das es seine Jugend war, welche es seiner Familie ermöglicht hat, ihn als Bauernopfer zu missbrauchen. Die Kehrseite davon ist aber, dass wir nicht nur versagt haben, die Frau, die sich hier in diesem Land unsere Kultur angenommen hat, vor jener patriarchalischen Gewalt zu beschützen. Wir haben auch die Jugend des jüngeren Bruders schutzlos vor Missbrauch durch dieselbige gelassen.

Eigentlich sollte die Fahne zwei Tage auf Halbmast wehen, zumindest vor dem Gerichtsgbäude.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  24. Februar 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Roger Cohen: “Die Doppelmoral des Westens” (24.02.06 S. 8)

Roger Cohen steckt seinen Finger ganz zurecht in einen wunden Punkt, aber, die von ihm aufgedeckte “Doppelmoral” war bzw. ist nur im Westen einem bedeutenden Teil der Öffentlichkeit unbewusst. In der muslimischen Welt ist der beschriebene Widerspruch hingegen so ziemlich allen bekannt. Das erklärt vielleicht das verbreitete Unverständnis der westlichen Öffentlichkeit gegenüber Entrüstungsbekundungen von Muslimen.

Aber Cohen geht eigentlich weiter, um das Verbot der Holocaust-leugnung als Verletzung der eigenen Prinzipien der Meinungsfreiheit darzustellen. Er fällt da Opfer eines insbesondere unter Liberalgesinnten relativ weitverbreiteten Denkfehlers, der darin liegt, dass man gesellschaftlich-moralische Fragen aufgrund von Denkmodellen mit nur einem Subjekt nachgeht.

Damit kommt man aber schnell zur faschistoiden Vorstellung von der “Überlegenheit des Stärkeren”. Erst wenn man sich auch auf Denkmodellen mit zwei, drei, vielen wechselseitig abhängigen Subjekten einläßt (denn erst damit nähert man sich der realen Welt), merkt man die hinkende Logik der zunächst verfassten Rückschlüsse. Es können nämlich nicht alle gleichzeitig der Überlegene sein, und auch der einzig stärkste wird aufgrund von Querverbindungen zwischen den Agierenden mit unter der Unterlegenheit der anderen leiden müssen.

Noch klarer ist das mit der Freiheit. Sobald man sich auf ein System mit mehreren gleichberechtigten Individen einläßt, findet die Freiheit des einen sofort seinen Grenzen dort, wo sie dieselbige des anderen beeinträchtigt. Deshalb hat Roger Cohen unrecht, wenn er das Verbot der Holocaustleugnung oder des Antisemitismus insgesamt zum einzelnen, isolierten Widerspruch zur unbegrenzten Meinungsfreiheit stilisiert.

Nein, in jeder zivilisierten, auch noch so freiheitlichen Gesellschaft, also auch mit unserem Rechtssystem, gibt es eine gesetzlich fest umrissene Begrenzung der Freiheit der Meinungsäußerung. Das fängt an mit dem Bußgeldkatalog bei der Beleidigung eines Verkehrspolizisten, oder dem Verbot von Zigarettenwerbung, und reicht bis zum Verbot von Volksverhetzung oder z.B. von der Werbung für Sex mit Minderjährigen usw. Diese Begrenzung ist also systemimmanent, und kann nicht als isolierte Sonderfall oder Ausnahme angesehen werden.

Denn spätestens wenn man sich die astronomisch hohen Schmerzensgelder anschaut, die amerikanische Gerichte wegen persönlicher Beleidigung zu verhängen pflegen, muss einem doch klar sein, dass der Verbot von Antisemitismus nicht als mit der besonderen Geschichte dieses Landes extra zu rechtfertigende, eventuell “doppelmoralische” Einschnitt in eine ansonsten absolut grenzenlose Freiheit der Meinungsäußerung darzustellen sei.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  5. Februar 2006
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Rushdie, Sürücü, und dänische Karikaturen

Ich war vielleicht einer der Ersten in Deutschland, die sich damals ein Exemplar der “Satanischen Versen” von Rushdie beschafften. Nicht weil ich vor hatte, es zu lesen — es steht heute noch ungelesen in meinem Regal. Ich halte derart billige “Profilierung” auf Kosten des Glaubens von anderen einfach beschämend. Bestellt und gekauft habe ich das Buch nur aus Protest gegen den Tötungs-Fatwa von Chomeini: Erstens, weil ich den Aufruf zum Mord, ausgesprochen von einem Machthaber gegen einen Schriftsteller, für ein staatliches Verbrechen halte; und zweitens weil ich ihn als einen schlimmeren Schlag gegen den Islam ansehe als die inkriminierten “Versen” selbst. Dazu kommt noch, dass erst ausgerechnet der Fatwa die Versen zum Welthit gemacht hatte.

Es ist aber zugleich kein Ruhmesblatt für “Old Europe” und ihre berühmten “Werte”, dass ein solcher Fatwa bereits gereicht hat, um den betroffenen Schriftsteller gleich als großen Literaten hochzuzelebrieren. Zeugt das nicht eigentlich eher von einem beklagenswerten Werte-Armut? Von einem gleichen wie das, welches wir bei den Richtern und der Staatsanwaltschaft im Prozess gegen die Sürücü-Brüder leider feststellen müssen?

Denn erstaunlicherweise scheinen dieselbigen Brüder immer noch zu glauben, von der eigenen moralischen Überlegenheit überzeugt, Grund zum lachen zu haben. Um ihnen dieses zu nehmen hätte es eigentlich gereicht, je einen türkischen Juristen und Imam, oder einfach nur einen Kulturanthropologen, im Zeugenstand erklären zu lassen, dass “Ehren”-Mord weder türkischem Recht, noch dem Islam entspricht, sondern einen primitiven Überbleibsel einer barbarischen Vergangenheit, mithin etwas sehr Unehrenhaftes darstellt.

Was, fragt man, sind denn ein 13-jähriges Abitur und Jura-Studium obendrauf wert, wenn sie vor solch hinterwäldlerischem Primitivismus kapitulieren müssen. Leider hat das offenbar System. Denn warum müsste erst Kofi Annan den ganz einfachen Erkenntnis kund tun, mit Hinsicht auf die dänischen “Propheten“-Karikaturen, dass die Pressefreiheit den Glauben aller Religionen respektieren müsse. Dabei handelt es sich eigentlich nicht einmal um eine Frage des Umgangs mit Religionen. Schließlich war ja von vornherein bekannt, dass die Karikaturen ursprünglich eine Minderheitengruppe der Lächerlichkeit preisgeben sollte. So etwas ist nicht nur in diesem Land tabu, sondern es bestehen darüber sicherlich ziemlich genaue europäische Bestimmungen.

Man hat aber nichts getan, außer einem handvoll Fundamentalisten viel Zeit zu gewähren, weltweit zu hausieren und mit z.T. nachfabrizierten Karikaturen die Gemüter aufzuwiegeln bis (nach 6 Monaten!) eine Protestbewegung sich aufschaukelte. Jetzt versuch mal die zögernde verblüffte Mehrheit der Muslime zu Überzeugen, das war von Europa gar nicht gewollt, oh nein, und hat mit eventuellen Absatzproblemen der Waffenindustrie, oder was weiss ich, auch rein garnix zu tun.

Sie sehen, zu welchen dummmen Fragen das bei anderen führen kann, wenn man nicht die eigenen Werte erstmal selbst respektiert, und dementspechend handelt. Ich meine, sind Afghanistan, Irak und Palästina noch nicht genug, ist es denn irgendwelchen immer noch irgendwie zu langweilig?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
(ein überzeugter Materialist)

Datum:  3. April 2005
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Kennzeichen fuer Fahrraeder? (03.04.05, S.10)

Kennzeichen fuer Fahrraeder? Einerseites waere das vielleicht keine so schlechte Idee. Auch als taeglicher Radfahrer aergere ich mich fortdauernt auf meine lieben radfahrenden Mitbuerger, die sich gedankenlos auf dem Radweg stehen bleiben (am liebsten noch zu zweit neben einander), oder sich dabei gar quer stellen, oder ihren Fahrrad so abstellen, dass er in den Radweg hinein ragt. Um die “Geisterradler” (die in die verkehrten Richtung fahren) erst gar nicht zu erwaehnen.

Andrerseits ist der Aerger insgesamt (auch gegenueber Fussgaenger und dem KFZ-Verkehr) nicht so gross, dass er den enormen Verwaltungs- und finanziellen Aufwand rechtfertigen wuerde. Es entstuende dann naemlich erstens den neuen Tatbestand “Fahren ohne Kennzeichen”, was mit entsprechendem Aufwand “bekaempft” werden muesste. Zweitens, das Kennzeichen wird Verwaltungsgebuehren kosten, so dass auch noch Kennzeichen-Klau vorkommen wird, und ..., und ...

Wenn man wirklich etwas tun moechte (wovon ich ehrlich gesagt nicht so fest ueberzeugt bin) fuer die Entflechtung von Fussgaenger- und Radverkehr, dann braucht man nicht Radler vom Buergersteig bzw. Fussgaenger vom Radweg zu verbannen. Es reicht den einfachen und klaren Regel aufzustellen und allgemein bekannt werden lassen, dass immer derjenige ausweicht oder den Durchgang freigibt, der sich auf dem “falschen” Verkehrsweg befindet. D.h., der Radfahrer weicht dem Fussgaenger auf dem Fussgaengerweg, der Fussgaenger achtet dass er Radfahrer nicht hindert auf dem Radweg, und wenn zwei Radfahrer sich auf dem Radweg begegnen, weicht nur derjenige aus, der in der falschen Richtung faehrt (wenn beide das tun, koennte es naemlich trotzdem zum Zusammenstoss kommen).

Das wuerde dann auch bedeuten, dass sich ein Fussgaenger jeden Radfahrer auf dem Gehweg einfach ignorieren soll. Der muesste schon selber sehen, wie er da weiter kommt. Andrerseits muesste der Radler auf dem Radweg nicht erst klingeln, geschweige denn ausweichen, wenn dem einen oder anderen Fussgaenger der Buergersteig nicht breit genug sei. Nun gut, auf eine alte Einkaufstaschen-beladene Oma, wie auf Ihrer Karikatur dargestellt, wuerde man vielleicht trotzdem Ruecksicht nehmen, aber die sind die allerseltensten (wirklich!) unter denen, die sich Radfahrern in den Weg stellen (meistens sind das junge Leute, z.T. wegen der allgemeinen Unbekuemmertheit, zum anderen vielleicht wegen des Nervenkitzels).

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  29. März 2005
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Terri Schiavo: Moral, Ernährung, Heiliger Krieg (29.03.2005, Ss. 1, 2, 21)

Eltern, das sind die, die einen schoen finden, auch wenn man das Gesicht eines Warzenschweins hat, die immer noch zu einem halten, wenn man der letzte Loser ist und, die einem auch ueber den Tod hinaus, am liebsten durch blosses Umarmen, den Koerper warm halten wuerden.

Eltern sind vor dem inneren Zwang der eigenen Gefuehlen fuer ihr Kind voellig schutzlos. Nicht zuletzt dafuer lebt man ja in einer menschlichen Gemeinschaft, dass Mitmenschen Eltern in solchen Faellen auch vor sich selbst schuetzen. Ich finde, eine solche Notlage der Eltern dagegen fuer politischen Zwecken auszunuetzen waere sogar fuer eine Gemeinde eingefleischter Atheisten ausserordentlich herzlos und beschaemend.

Wenn dies dann von einer, die sich als streng religioes verstanden haben will, begangen wird, so erhaelt die Abgrenzung zwischen Glauben und Bigotterie doch ungewoehnt klare Konturen. Mein Mitgefuehl gilt den Eltern von Terri Schiavo, die diese schnoede Vermarktung ihrer ehrlichen Gefuehlen wirklich nicht verdient haben.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  8. Februar 2005
An: Den Spiegel
Betreff: Der Schleuser-Skandal (Nr. 6 / 2005)

Zunächst: Gratulation! Die Titel-Aufmachung (“Schleuser-Erlass”, “grünes Licht für Menschenhändler”) — genial fies, schlichtweg brilliant!

Erst alle Gegner des Multi-Kulti herbeilocken, dann Seiten lang mit gefällig Grün-kritischem Text traktierend bis zur entscheidenden Stelle führen: Keiner der Beamten nahm daran Anstoß, dass in den Verpflichtungserklärungen stets die gleichen Namen und Adressen auftauchten. Also, nicht dem Gesetzt sollten etwaige Änderungen zugefügt werden, sondern den Beamten etwas mehr Gelegenheit zum Ausschlafen.

In der Tat, was hat das Visa-Skandal eigentlich mit Multi-Kulti zu tun? Letzteres steht auch nur noch bei Unbelehrbaren auf der Liste der diskutierbedürftigen Themen. Denn Multi-Kulti hat sich hierzulande bereits längst bewährt. Das Gesicht des Landes hat sich dann auch längst entsprechend geändert. Abendessen beim Italiäner oder Griechen, oder sich eben schnell mal einen Döner holen, das ist längst deutscher Alltag. Von Denglisch und Neudeutsch erst gar nicht zu reden. Alles völlig normal und nicht neu. Oder glauben welche allen Ernstes, dass bereits die Urgermanen Kartoffel aßen und Tee oder Kaffee tranken?

Wenn man sich ungelernte Arbeitskraft ausgerechnet aus dem ostanatolischen Hinterland holt, muss man sich nicht wundern, dass es sich mit der kulturellen Anpassung nicht sofort glatt geht. Aber auch das ist nicht das Problem. Denn, sind Ruslanddeutsche auch so fremdartig? Und sind die Unangepassten, die NPD wählen, etwa aus Ostanatolien? Nun, wenn so viele Deutsche, ob Rusland-, Ossi-, oder sonstige, ebenfalls Anpassungsprobleme haben, liegt es wohl nicht an Multi-Kulti, oder?

Zwischenmenschliche Kälte und gegenseitige Sprachlosigkeit sind hier vielleicht eher die entscheidenden Stichwörter. In den letzten 20-30 Jahren hat sich hier aber sehr viel zum Besseren verändert. Dazu, wie mir scheint, hat auch Multi-Kulti einiges beigetragen.

Ach, übrigens, dieses “im Zweifel für die Reisefreiheit”, war das nicht das, was wir seinerzeit Tag ein Tag aus dem Ostblock um die Ohren geschlagen haben?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  20. November 2004
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Clemens Wergin: “Nicht in unserem Namen“ (19.11.04, S. 8)

Ich finde, dass Clemens Wergin den richtigen Ton in dieser Frage getroffen hat. Slavoj Zizek hat recht: Man darf kein Schlüpfloch für Folter im Recht öffnen, nicht einmal mit Absicherung durch richterlichen Beschluss. Das heisst aber dennoch nicht, dass da überhaupt nichts zu machen sei. Aber es verlangt das Wagnis der eigenen Schuldaufnahme.

Herr Daschner hat es uns vorgemacht, und jeder darf sebst entscheiden, was er für respektwürdiger hält: Sein Leben zu riskieren beim Einsatz gegen bewaffnete Verbrechern, oder seine Karriere und sogar Freiheit aufs Spiel zu setzen um eventuell das Leben eines Kindes zu retten.

Es bleibt dann dem Richter überlassen, dieses im Nachhinein rechtlich entsprechend zu würdigen und eventuell schuldminderende Umstände festzustellen. Aber Strafe muss auf jeden Fall sein, auch wenn ggf. zum grossen Teil “auf Bewährung”.

Nur solange dieses Risiko bleibt, kann man halbwegs versichert sein, dass keinen Freibrief für Missbrauch erlassen wurde. Zugegeben, den Beruf eines Polizeikommissars macht das nicht gerade attraktiver. Also: Respekt! Das nachträgliche Hinundhergeschiebe von Verantwortung und Vorwissen zwischen den Ämtern finde ich geradezu widerlich. Hilfreich ist es jedenfalls ganz und gar nicht.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  1. Februar 2004
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Bürokrat der Perversion (30.01.04, S. 3)

Das Schlimmste an der Geschichte ist m.E. nicht das Verbrechen selbst. Wirrköpfe gibt es eben (Neudeutsch: shit happens), wir leben nicht in Utopia oder Disneyland. Es ist unsäglich grauenhaft, aber letztendlich kann man sich innerlich davon distanzieren, wie etwa auch von Jack the Ripper.

Das Schlimmste ist in Wirklichkeit, dass wir kein Gesetz gegen Kannibalismus haben. Am liebsten würde man alle zuständige Beamten fristlos entlassen. Aber dafür gibt es auch kein Gesetz.

Hat man denn nicht restlos alles bis aufs Pünktchen auf dem I geregelt und ggf. verboten? Sogar der Verzehr von Hundefleisch! (bester Freund, also nicht wie Mitmensch?). Man wehrt sich gegen dieses Schreckensbild: Es ist bestimmt ein Rück durch den Bundestag gegangen, und das fehlende Gesetz wird bereits fraktionsübergreifend alsbald zur Abstimmung kommen (kommt wirklich vor, siehe geplantes Gesetz gegen Kamera-Voyeurismus, TSp. 01.02.04, S. 1). Aber falsch gedacht.....

Und das ist was mich wirklich an der Geschichte graust. Oder habe ich nur eine Nachricht darüber irgendwie verpasst?

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  23. Januar 2004
An: Den Spiegel
Betreff: Titel: Händler des Todes (Nr. 4, Ss. 36-50)

Die gute Nachricht dabei ist vielleicht, dass Dank der Schlafmützigkeit einiger zuständiger Justizbeamten man nunmehr einen eleganten juristischen Winkelzug bekommt, die strengen Vorschriften hinsichtlich Aufbewahrung der Asche von kremierten Verstorbenen zu umgehen: Man vereinbare im Testament, im Todesfall einer eingehenden Autopsie durch den amtlichen Leichenbeschauer unterzogen zu werden. Danach ist man “ein Präparat” und darf seine Asche, eventuell einer geeigneten Plastikmasse beigemischt und zu einer kunstvollen Ausstellungsobjekt geformt, den Kamin eines Hinterbliebenen zieren.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  8. November 2003
An: Den Spiegel
Betreff: Embryonen: Schröders Versuchsballon (Nr. 45, S. 208)

Was mich immer wieder überrascht ist der Pathos, mit welchem in einem Klumpen weniger Zellen das volle Maß an Menschenwürde erkannt wird, während man zugleich ungestört mit plastinierten Leichen von echten, voll ausgewachsenen Menschen umher hausieren darf, um sie der morbiden Belustigung des gelangweilten Pöbels preiszugeben.

Was heißt Menschenwürde, allein schon der Begriff “Privatsphäre” wird dabei ins Lächerliche verwandelt, denn die Humanexponate werden nicht nur splitternackt, sondern sogar enthäutet und eventuell mit ausgestülpten inneren Organen ausgestellt.

Was dem Embryo betrifft, ist es denn wirklich so schwer zu begreifen, dass sich Persönlichkeit, und dem entsprechend auch Menschenwürde, erst allmählich entwickelt, und zwar in dem Maße, in welchem sich auch die neurophysiologischen Voraussetzungen eines Bewusstseins im Embryo formieren?

Mit freundliche Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  20. September 2003
An: Den Spiegel
Betreff: Das Y-Chromosom (Nr. 38/15.09.03)

Die sommerlochreifen Sprueche entstammen ja dem Steven Jones, somit sind Sie entschuldigt. Was die entsprechend reisserische Aufmachung betrifft, na gut, dafuer lieben wir ja Den Spiegel....

Aber dass es den Mann seit 300 Mio. Jahren gibt, also ich bitte Sie, selbst vom Schimpansen sind wir noch kaum 10 Mio. Jahren getrennt, waehrend es Homo sapiens allenfalls 100.000 Jahre gibt. Also wird es wohl nicht den Mann, sondern das Maennchen sein, den bzw. das es 300 Mio. Jahren gibt.

Was den Kern der Sache angeht, kann es eigentlich nicht weiterhin verwunderlich sein, dass das Maennchen einen etwas kuemmerlicheren Abklatsch des Weibchens darstellt. Schliesslich muss ja letzteres die Frucht tragen, aus welcher das Nachkommen entstehen muss (auch wenn im Tierreich gegenteiliges vereinzelt vorkommt).

Dennoch, fuer das Grossziehen eines Nachkommens ist das Maennlein nicht nur zum einmaligen Befruchtungsakt nuetzlich (ausser bei vereinzelten Tierarten). Insbesondere bei Homo sapiens bedarf es fuer eine gesund heranwachsende Generation eine ganze soziale Umgebung (Mutter, Vater, Geschwister, Grosseltern, Nachbarn, die Gemeinde). Daran wird auch eine komplett geklonte “Brave New World” nicht vorbei kommen. Zum Glueck.

Mit freundlichen Gruessen,
Waruno Mahdi

Datum:  3. Juni 2001
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Königsdrama Nepal (03./04.06.01; Ss. 1 & 32)

Kaum haben wir uns an Berichte von Revolver-Showdowns in amerikanischen und anderen westlichen Schulhöfen gewöhnt, greift Sohnemann sogar in der Abgeschiedenheit der Himalayas zum automatischen Gewehr. Schützt auch traditionelle “orientalische Mentalität” nicht mehr vor schießwütigem Nachwuchs? Oder, ist das schon “Globalisierung”?

Vielleicht ist aber alles in Wirklichkeit viel einfacher. Es gab da mal eine Zeit, als man sich aus der Urgemeinschaft in die Zivilisation begab. Da wurden friedfertige Familiengründertypen zu Bauern, und streitsüchtige Rüpeltypen zu Herrschern. Ob nun jetzt die Nachkommen der letzteren Journalisten prügeln, Expo-Pavillions bepinkeln, oder die liebe Verwandschaft wegballern, irgendwie muss das wohl in den Genen liegen.

Nur eins frage ich mich noch manchmal: Wieso gilt Schwärmerei vor gekrönten Häuptern und anderen Blaublutigen, geschweige denn das Tragen von aristokratischen Titeln, in einer Republik mit freiheitlich demokratischer Grundordnung nicht als verfassungsfeindlich? Da lobe ich mir doch den Standesamtsbeamten, der seiner Zeit einem frisch angetrauten, nichtadeligen Ehemann einer “Freifrau von ...” auch den Familiennamen “Freifrau von ...” verpasste, statt des verlangten “Freiherr von ...” (schließlich heißt die Gattin eines Herrn Königs ja auch nicht “Frau Königin”).

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  13. Februar 2000
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Raser müssen tiefer in die Tasche... (05.02.00)

Die höheren Verwarnungsgelder für Radfahrer wird wenig helfen, fürchte ich, solange man sie in dem Glauben läßt, Opfer einer bewussten oder faktischen Benachteiligung zu sein. Besonders die jüngeren werden wohl weiterhin bei Rot, auf Einbahnstraßen in verkehrter Richtung usw. fahren, eben aus Trotz.

Denn da man in der Praxis offenbar partout nicht gewillt ist, auf Radwegen geparkten PKWs Strafzettel zu erteilen, noch weniger sie kostenpflichtig abzuschleppen, und auch keine Verwarnungsgelder für Fußgänger vorsieht, wenn diese sich z.B. ohne Not auf einem Radweg zum lockeren Plausch aufhalten und so Radfahrer zum Abbremsen zwingen, riskiert man vielleicht sogar eine Klage vor dem Verfassungsgericht wegen Unausgewogenheit oder Unverhältnismäßigkeit. Denn, der Radfahrer fragt sich doch, wieso er berappt werden soll, wenn er mal einen Autofahrer oder Fußgänger behindert, diese aber im umgekehrten Fall nicht.

Haben wir Verständnis dafür, dass Politiker Rücksicht nehmen müssen auf Autolobby und auf die Wählermassen, die als Fußgänger unterwegs sind. Man hätte sich wenigstens auf ein Bußgeld für das Zerbrechen von Glasflaschen auf Radwegen entschließen können. Auch der Verbot, temporäre Straßenverkehrszeichen, Müllkontainer, abgesägte Baumäste und Trockenlaub auf Radwegen abzustellen (alles täglicher Praxis), dürfte weder Autolobby noch Wähler-Fußvolk verprellen.

Und es würde ganz bestimmt niemanden schaden, das Anlegen von Radwegen mit seitwärtiger Schieflage strengstens zu verbieten. Um bei Glatteis auf solchen Radwegen nicht seitwärts auszurutschen, sind Radfahrer gezwungen, auf den Fußgängerteil des Bürgersteigs (auf wundersamer Weise immer schön eben und ohne Schieflage) auszuweichen. Wirklich makaber wird das in inneren Kurven bei auswärts gekipptem Radwegbelag. Die ohnehin in Kurven wirksame Fliehkraft wird verstärkt, bei Glatteis rutscht der Radfahrer in die daneben verlaufende Fahrbahn, unter die Räder eines eventuell vorbeifahrenden LKWs. Beispiel: westwärtsführende Rechtskurve der Yorkstraße gegenüber der Einmündung der Katzenbachstraße, wo außerdem noch ein Zaun ein Ausweichen zu den Fußgängern versperrt.

Sehr hilfreich wäre, den Radweg vom Bürgersteig auf die Fahrbahn zu verlegen, wie in einigen Bezirken bereits teilweise praktiziert. Das wird aber gewiss viel Zeit in Anspruch nehmen. Ein großer Beitrag zur Entflechtung von Rad- und Fußverkehr wäre bereits, Telefonzellen sowie Posteinwurf- und Müllbehälter auf die Fußgängerseite zu verlegen, damit Fußgänger nicht gezwungen werden, den Radweg zu überqueren um an sie zu gelangen, oder gar auf den Radweg zu stehen beim Einwerfen von Briefen oder Müll (bei der gegenwärtig offenbar bevorzugte Anbringungweise der entsprechenden Behälter unvermeidlich).

Einige weitere Anregungen: Statt Gegenverkehr von Fahrrädern in einigen Einbahnstraßen explizit zu erlauben, sollte man dieses generell gestatten und bei Bedarf explizit verbieten. Denn jetzt hat man Fälle wie z.B. der nördlichste Abschnitt der Rüdesheimer Straße (Wilmersdorf). Obwohl verkehrsarm und so breit, dass zwei LKW locker nebeneinander Platz finden, ist der Abschnitt als Einbahnstraße ausgeschildert ohne "Fahrräder frei" Schild.*) Eine bequeme Ausweichroute über Paralellstraßen ist da auch nicht vorhanden, ebenfalls wegen Einbahnstraßenregelung. Bleibt nur ein Ausweichen auf den meistens gottseidank unbevölkerten Bürgersteig.

Man sollte auch aufhören, Radwege in der Nähe von Kreuzungen in Zikzak- oder ausschweifendem Mäanderkurs zu führen nur um vermeintlichen ästhetischen oder künstlerischen Ansprüchen verträumter Straßenbau-Architekten Genüge zu tun. Abgesehen davon, dass dies dem Radfahrer unnötigerweise zusätzliche Veräußerung von Muskelkraft abverlangt, kann ein Fahrrad genauso wenig zikzakfahren wie ein Auto, und eine Änderung der Fahrtrichtung sollte mit einer Kurve statt in einem Winkel geführt werden. Sonst sind bei wetterbedingter Glätte (nasse Blätter, Eis) Schurfwunden, Prellungen und Verstauchungen einprogrammiert.

Und letztendlich, für rechtsabbiegende Fahrräder soll generell der “grüne Pfeil” gelten. Denn, sie dabei am roten Ampel warten zu lassen, wenn keine überquerenden Fußgänger oder Radfahrer im Wege sind, ist unsinnig, und dies zu müssen wird zwangsläufig als Willkür und Schikane empfunden. ähnlich sollte auch für die gerade Strecke einer T-Kreuzung automatisch ein “grüner Pfeil” für “Geradeaus” gelten. Auch hier kommt der Radverkehr dem Kraftverkehr nicht in die Quere, und sollte bei Rot nur noch vor überquerenden Fußgängern und einbiegenden Fahrrädern halten.

Kurzum, Fahrradgerechte Radwege und Fahrregeln würden vielleicht mehr bringen als das Aufstocken von Bußgeldern.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
 
*) 

Späterer Nachtrag:  Etwas über ein Jahr nach diesem Leserbrief wurde der genannte Straßenabschnitt in der Tat mit einem "Fahrräder frei" Schild versehen.

Datum:  31. Dezember 1999
An: Den Spiegel
Betreff: Titel: Tanz ums goldene Kalb (Nr.51/20. Dezember 1999)

Der Spiegel machte in seiner diesjährigen 51. Ausgabe die philosophisch fundierte Suche nach der Moral am Vorabend des Jahres 2000 zur Titelgeschichte. Der Konsens darüber, was gut und was böse ist, schwindet, wie überhaupt der Wert, den die heranwachsende Generation auf die Moral legt.

Die scheinbare moralische Ausweglosigkeit der ausgemalten Situation hat ihren Ursprung, wie mir scheint, im Beharren der Philosophen auf das absolute Primat des Geistes vor dem Materiellen. Wir schleppen noch immer Gedankengut mit uns herum, das in der Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hoch aktuell war, inzwischen jedoch vom Stand des Wissens überholt wurde.

Gemeint hier ist keineswegs die klassisch materialistische Darstellung von Geist als Attribut von Materie. Die Einsicht in die Ursprünglichkeit von Materie wird für einen bedeutenden und keineswegs unzureichend gebildeten Teil der Menschheit offenbar immer als Metaphysik erscheinen.

Bedeutsamer, oder zumindest wissenschaftlich verbindlicher erscheinen mir deshalb Erkenntnisse, die aufgrund umfangreicher konkreter Feldbeobachtungen von Ethnologen und Anthropologen gewonnen wurden. Bereits im 19. Jahrhundert bildete sich die allmählige Einsicht, wie die Auseinandersetzung zwischen Mensch und seinem materiellen und sozialen Umfeld zu der Entwicklung von rituellen und Glaubens-Traditionen führte. Anfang des 20. Jahrhunderts kam man zum Begriff der “mystischen Logik”, die nicht nur die Denkweise von Urmenschen charakterisierte, sondern auch modernen Menschen nicht fremd ist.

Der Kreis schloss sich Mitte des 20. Jahrhunderts, als einem klar wurde, dass der grundsätzliche Unterschied zwischen Homo sapiens und dem übrigen Tierreich nicht etwa in der Intelligenz, der Verwendung von Werkzeugen, oder der Fähigkeit zu Kunst lag, sondern darin, dass die soziale Struktur einer menschlichen Gemeinde auch kulturell bedingt ist (und somit genauso viele Spielarten kennt, wie es Kulturen gibt), statt nur biologisch (und daher streng artspezifisch). Das “Multikulti” von Monogamie/Poligamie, Endogamie/Exogamie, Matriarchat/Patriarchat, Demokratie/Autokratie, egalitäre/Standes- oder Klassengesellschaft, Feudalismus/Kapitalismus usw. innerhalb der gleichen Spezies, so etwas kennt die übrige Tierwelt nicht einmal ansatzweise.

Wie, fragt man sich, konnte bereits der primitivste Urmensch das Leben seiner Gemeinden organisieren, wenn wir mit all unserem High-Tech nicht einmal das Verhalten unserer Kinder in den Griff bekommen, geschweige denn das unserer Politiker?

Er besaß natürlich weder das nötige Wissen, noch die Fähigkeit, Erfahrung logisch rational in Wissen umzusetzen. Er sammelte und verarbeitete sie ganz unsystematisch, intuitive, und vor allem mystisch. Die Fantasie, durch welche er in allen Gegenständen und natürlichen Phänomenen um sich herum eine eigene Willens- und Tatkraft wähnte, als wären die mit eigenen Geistern “beseelt”, hatte zur Folge, dass er sich quasi von jenen vermeintlichen Geistern “dressieren” ließ. Der Mechanismus der Entstehung moralischer Glaubenssätze könnte man sich anhand dessen veranschaulichen, wie das Tabu gegen Inzest vermutlich entstanden ist: Der Urmensch musste gefolgert haben, dass Verkehr unter Geschwistern die Geister erzürnte, was daraus zu erkennen war, dass aus solcher Vereinigungen oft kränklicher Nachwuchs hervorging. Also fügte er sich dem wie er meinte von den Geistern auferlegten Tabu.

Hieraus lassen sich eine Reihe von wichtigen Schlüssen ziehen:

Erstens ist der Glaube auch aus rein materialistisch anthropologischer Sicht ein fundamentales menschliches Attribut, das für das geordnete Funktionieren eines menschlichen Gemeinwesens und für das seelische Heil dessen individuellen Mitglieder genauso wichtig ist, wie das Atmen und Sich-Ernähren für deren Lebensfunktionen. Denn ein Wesen, das die Fähigkeit besaß, biologische Instinkte zugunsten kultureller Regeln zu unterdrücken, konnte nur überleben, wenn anstelle instinktiver Hemmungen genauso verbindliche kulturelle eintraten. Seine “Glaubensfähigkeit”, die dabei die maßgebliche Rolle spielte, musste wohl an einer wichtigen Schnittstelle im Übergang vom Menschenaffe zum Menschen den ausschlaggebenden Selektionsfaktor gewesen sein.

Nicht zufällig, also, sehen sich sogar Humanisten — schließlich auch nur Menschen — dazu genötigt, der primäre Ursprung ethischer Prinzipien im Geist zu suchen. Nicht einmal die ideologisch abgehärtesten Kommunisten kamen ohne Pantheon von Patriarchen, Heiligkeit als ulimativer Ausdruck des moralisch Verbindlichen, oder Pilgerstätten und anderen Orten und Gegenständen der rituellen Verehrung aus. Echt atheistisch ist wohl nur ein kleiner, eigentlich sehr bedauernswerter Schar wirklich nihilistischer Anarchisten. Wie auch immer, es kommt gar nicht darauf an, ob man Idealist, Materialist oder Agnostiker ist: Die Wichtigkeit des Glaubens insbesondere in seinem moralisch-ethischen Aspekt bleibt bestehen, unabhängig davon ob von einem personifizierten Gottesbegriff, von einem ganz gleich wie gearteten kultivierten Geist oder idealistischen Edelmut herleitend. Nur für seine Wirksamkeit, uns ins Gewissen hineinzureden, schlüpft er sich in jenen edelen Gestalt, denn unsere Empfänglichkeit dafür wurde in langwiereiger natürlicher Selektion geschärft.

Zweitens handelt es sich beim wie beschrieben entstehenden Glauben nicht um direkt logisch und rational hergeleitetes Wissen. Das hilft ein wichtiges Problem zu klären, dass die Abkehr vom Primat des Geistes sehr vielen bereitet: Der sachlich utilitäre Beigeschmack, der dann allen ethischen Prinzipien beihaftet. Aber die dialektisch indirekte Herleitung des Prinzips gilt auch dann, wenn der materielle Zusammenhang durchaus transparent ist. Denn, wenn ich einen auch von anderen benutzten Raum so hinterlasse, wie ich ihn selber gern immer vorfinden möchte, hat nur ein anderer — der nächste Benutzer — etwas davon. Erst wenn es zum Grundsatz wird, den alle Benutzer befolgen, profitieren davon auch alle, ich selbst mit eingeschlossen. Der Zauber gelingt erst über den Umweg eines allgemein befolgten ethischen Glaubenssatzes, bei dem man nicht gleich seinen unmittelbaren Eigennutz im Vordergrund hat, sondern diesen nur über die Wahrung der Interessen des Allgemeinwohls. Was nun aber den indirekten Eigennutz anbelangt, hat denn nicht auch die pietätvollste religiöse Hinwendung letztendlich das eigene seelische Heil zum Zweck?

Drittens, folgt aus dem Obigem, dass moralische, ethische, oder religiöse Glaubenssätze relativ sein müssen, da durch die konkreten Verhältnissen bedingt, in denen sie enstanden sind. Die Relativität jedes moralischen Prinzips gilt auch für noch so universelle religiöse Gebote. Ganz abgesehen davon, dass ein Psychiater sich eventuell eine Klage wegen Körperverletzung einhandelt, wenn er das Gebot, nicht zu Lügen, konsequent befolgt, hat das Gebot “Du sollst nicht Töten” noch keinen Patriarchen, nicht einmal Moses selbst, dazu veranlasst, die Abschaffung von Streitkräften zu fordern. Moralische Doppelbödigkeit könnte darin jedoch allenfalls ein überzeugter Pazifist-Totalverweigerer ersehen, auch wenn der Begriff “Friedensmission” erst in der allerjüngsten Zeit gemünzt wurde. Außerdem hat noch keine Religion (noch weniger irgendein religiöser Fundamentalist) von Haus aus die Abschaffung der Todesstrafe verlangt, sondern eher wohl Anhänger von Glaubensrichtungen die zum Humanismus oder Freidenkertum tendierten.

Aus umfangreichen ethnographischen und anthropologischen Daten kennt man ja die Flexibilität religiöser Glaubenssätze zugenüge. Der Mensch hat in allen Kulturkreisen schon immer grenzenlose Fantasie und Kreativität an den Tag gelegt, um althergebrachte religiöse Prinzipien nach Bedarf umzudeuten, sie in Einklang mit veränderten Lebensbedingungen zu bringen. Jede Weltreligion ist in unzähligen Modifikationen vertreten, die bei orthodoxer Unveränderbarkeit ja nie hätten entwickeln können.

Wir kommen nun endlich zum aktuellen Problem: Warum geben Religion und Moral unserer Jugend nicht mehr den erhofften geistigen Rückhalt?

Zunächst braucht man sich nur die Probleme anzusehen, die die Jugend gerade zuletzt beschäftigten: Gleichstellung von Mann und Frau, Bekämpfung von Umweltverschmutzung, Eheähnliche Beziehungen ohne Trauschein oder nicht zwischen Mann und Frau, usw. Was sagt dazu die Kirche (oder auch “die Moschee”)? Wem wundert es, wenn der eine oder der andere sich dann vielleicht zum Buddhismus wendet (nicht dass daran an sich etwas verkehrt wäre, nur dass es vom Versagen der Religion, der man zuvor angehörte, zeugt), oder gar vollends verwirrt einen Bhagwan aufsucht. Und musste die Regelung jener Probleme nicht auch gegen dem zähen Widerstand von Regierungen und sonstigen weltlichen Statthaltern geistig-moralischer Authorität durchgesetzt werden?

Es kam noch schlimmer: Während des kalten Krieges gab es ein rebellischer Jugend auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs. Klar, dass es sich von selbst verstand, die rebellische Jugend des jeweils gegnerischen Blocks moralisch anzustacheln, und die eigenen Blagen irgendwie abzulenken und sich auf unkritischen Sachen konzentrieren zu lassen. Während sich hier die Jugend “Ho, Ho, Ho chi Minh” skandierend durch die Straßen zog und umstürzlerische Fantasien wie “Befreit Grönland vom Packeis” zelebrierte, erfreute sie sich drüben klammheimlich an Boogy-Woogy, Rock-n-Roll, Disco und anderen Schmuggelwaren vom Klassenfeind (Nylons, Jeans). Also unterminierte man gegenseitig in trauter Uneinvernehmlichkeit gezielt die moralische Lauterkeit der Jugend, wie sie von der im jeweiligen Block herrschenden Ideologie verstanden wurde. Wichtigster Nebeneffekt: Die Zerstörung des unterschwelligen Respekts der Jugend vor der jeweils eigenen Erwachsenenwelt.

Aber auch das war noch lange nicht das allerschlimmste. Als mit dem Untergang des Ostblocks die Motivation für jene moralische Subversion verschwand, war sie eigentlich längst nicht mehr wirklich aktuell. Die Jugend im Westen hatte mittlerweile “Atomkraft nein Danke” und Öko-Power für sich entdeckt. Dies ließ sich ja schlecht vom Ostblock — in dem Punkt weit angreifbarer als der Westen — instrumentalisieren. Andrerseits verlor die Politik der Einnahme der Jugend für Konsumkult und Mode-Schnickschnack ihre besondere Zielrichting gegen Ost — dies war wohl auch niemals die ausschließliche oder auch wichtigste Motivation gewesen.

Es ist im Nachhinein schwer festzustellen, was wohl der eigentliche Motivation oder treibende Kraft war.

Der Schock, den die Eskalation von der Halbstarkenrebellion der 50er zur offenen 1968er Revolte sowohl bei Politik wie auch bei Wirtschaft bewirkt haben muss, führte seinerzeit zu eingehenden Forschungsprojekten über psychologische Aspekte des radikalen Aktivismus und über Massenverhaltensmanipulation durch Werbung (der im Koreakrieg entstande Begriff “Gehirnwäsche” war allen noch frisch im Gedächtnis).

Daneben führte immer neue Spirale der Konjunktursankürbelung dazu, dass auch der Massenabsatz von möglichst kurzlebigen Wegwerfprodukten und der Kauf auf Pump nicht mehr steigerungsfähig waren. Wo Erwachsene kaum noch zu immer leichtsinnigerem Konsum animiert werden konnten, musste die leichter beeinflussbare Jugend her, und sogar Kinder. Das blieb nicht ohne Folgen, wobei die unter Schulkindern wütende Jahrmarkt der Eitelkeit mit Markenwaren wohl eher die harmloseste ist (Nebeneffekte: Gelderpressung von schwächeren Schülern; Teilzeitprostitution bei einzelnen Studierenden und Auszubildenden, im Ausland manchenorts sogar auch bei Schülerinnen und Schülern). Die Hauptbotschaft, die die Kinder eingetrichtert bekamen, lautete: Wichtig ist der oberflächliche, vordergründige äußere Schein, und nicht das tieferliegende, inhaltliche, innere Wesen.

Die Kinder wurden langsam aber sicher vom moralischen Obhut der Eltern losgelöst durch kommerzielle Instrumentalisierung des jugendlichen Abnabelungsprozesses (“traue keinen über 30”). Natürliche pubertäre Aufmüpfigkeit, eine sehr empfindliche Phase des Werdegangs eines Menschen, bekam unerwartete (und eigentlich sehr verwirrende) moralische Unterstützung von erwachsenen Geschäftemachern. Solch derber Eingriff ins Intimbereich des jugendlichen geistigen Wachstums kannte man ursprünglich allenfalls von fragwürdigen, charakterschwachen, moralisch labilen Einzelerwachsenen.

Es fügte sich, dass die technologische Akzeleration die Jugend immer mehr aus der Lehrabhängigkeit von Erwachsenen herauslöste. Die Periode technologischer Erneuerung wurde immer kürzer und hat mittlerweile den beruflich aktiven Lebensalter eines Menschen unterschritten. Wie man einen Auto fährt konnte Sohnemann noch vom Papa lernen. Beim Umgang mit Komputern verhält es sich jetzt völlig umgekehrt. Die Botschaft, die die Werbung der Jugend vermittelte, scheint sich ihr zumindest mit Hinsicht auf die Erlangung des vordergründigeren, anschaulicheren technischen Wissens zu bestätigen. Also haben die Oldies/Grufties auch in moralischen Fragen, wo Wissen in verdeckter, indirekter, dürch die Erfahrung vieler Generationen akkumulierter Form steckt, immer weniger zu melden.

Zwar hat eine auf sich allein gelassene Generation noch niemals Kultur von Null an neu aufgebaut, doch ihr wurde bis jetzt immer die fatalen Folgen ihres kulturlosen Zustands unmittelbar vor Augen geführt, in der Regel durch physischen existenziellen Untergangs ihres Gemeinwesens. Die jetzige Generation erlebt die natürliche Welt immer mehr auf dem Bildschirm statt im Original, und soziale Beziehungen eher im virtuellen Welt des Komputerspiels und des Internets. In der Abkapselung von der Realität kommen Folgen des moralisch-ethischen Defizits für den Einzelnen erst überhaupt nicht ernsthaft registrierbar zum Tragen — bis dann und wann. Man hat die Jugend in eine glitzernde Scheinwelt gelockt, in welchen ethisches Auftreten und Zivilcourage durch dessen bzw. deren virtuelles Abbild ersetzt wurde.

Es ist aber wenig hilfreich, den schwarzen Peter nun sogleich der Wirtschaft zuzuschieben. All dies dient zwar der Erörterung der Wurzeln des Problems, taugt aber überhaupt nicht zur rituellen “Klärung der Schuldfrage”. Es geschah ja alles in Interesse unseres allen liebgewordenen Wohlstandes und wir haben das gewusst. Wenn also jemand schuld ist, dann sind wir das alle miteinander selbst. Doch Ökonomie dient (auch bei Wohlstand) der existenziellen Selbsterhaltung, und was immer man dafür tun muss kann einem wohl kaum zum Vorwurf gemacht werden. Das bedeutet aber nicht, dass man nichts dagegen tun kann oder soll.

Es gibt zunächst zwei Arten von Prophezeihungen: Die, die sich bewahrheiten und die, die sich nicht. Dann gäbe es eventuell noch Prophezeihungen der dritten Art, wenn man hinterher verdutzt dasteht ohne so richtig entscheiden zu können, ob sie erfüllt oder nicht erfüllt wurde. Die Prophezeihung der weltweiten Katastrophe durch einen mit dem Jahr 2000 (Y2K) verbundenen Komputerfehler (auf Englisch mit der Abkürzung TEOTWAWKI bezeichnet [The End Of The World As We Know It]) könnte sich durchaus als eine solche erweisen.

Der Untergang Roms stürzte Europa in das dunkle Ära des Mittelalters, doch Zivilisation blieb anderswo weiterhin erhalten, in China, Indien, im Nahen Osten. Die griechisch-römische Kulturerbe blieb gut in der arabisch-muslimischen Welt erhalten, um in der Renaissance nach Europe zurückzukommen. Das Reich der Mayas ist vermutlich an den Folgen einer selbstverursachten Umweltkatastrophe zugrunde gegangen. Auch jene zentralamerikanische TEOTWAWKI blieb in seiner Wirkung örtlich begrenzt.

Durch die Globalisierung wären die Folgen des Komputerfehlers gleich globalisiert, genauso aber Folgen jedes anderen vergleichbar fatalen Fehlers. Die weltweite AIDS-Seuche soll angeblich auf eine unreine Versuchs-Charge eines Vakzins gegen Kinderlähmung zurückgehen. Da war Globalisierung noch lange nicht richtig in Gang gekommen. Nun muss die nächste Katastrophe nicht unbedingt durch global vermarktetes BSE-Rind, oder weltweiten Einsatz genetisch veränderter Soyabohnen — immer an der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vorbei — erfolgen. Wir sind auch noch weit genug davon entfernt, bis ein Sloterdijkeske Verengung des humanen Genpools zur Umkippung des sich auf breiter menschlicher Verschiedenheit gründenden menschlichen Gemeinwesens führt.

Die zur nächsten ernsten Katastrophe führende Komputermacke wird wahrscheinlich nicht der Y2K-Systemfehler sein, auch wenn hier und da, insbesondere in technisch unterentwickelten Regionen, mit ernsten Schwierigkeiten zu rechnen sind. Aber die an der Schnittstelle zwischen Mensch und Machine, die zur Entsozialisierung des Menschen und dadurch zur Virtualisierung seiner Moral führt, die könnte sich als tödlich erweisen. Denn, wie aus dem eingangs Erörteten hervorgeht, spielt Glauben oder Moral eine entscheidende Rolle im Funktionieren des menschlichen Gemeinwesens.

Kinder mit Lust zum Massenmord und Mittel zu dessen Realisierung sind vielleicht nur Vorboten für das, was noch kommt. Unsere Demokratien können mit einer Bevölkerung von Nihilisten nicht fortbestehen. Dass die Demokratie ursächlich für industrielle Entwicklung und für den Sieg gegenüber dem sozialistischen Ostblock verantwortlich war, muss aber eigentlich nicht noch gesondert betont werden.

Es besteht gute Hoffnung, dass sich die Verantwortlichen sich durch die drohende Perspektive hinreichend aufschrecken lassen, um wirksam gegenzusteuern. Denn ein noch größerer Horror als der Weltuntergang für die exklusive Gesellschaft, die jährlich zum Stelldichein in Davao eintrifft, wäre eine Regionalkatastrophe, von welcher Andere eventuell nicht gleichermaßen getroffen wären. Zwar wird der Y2K-Fehler eventuell größere Schäden in Schwellenländern verursachen, als in den Industrieländern, aber der streng-puritanische Drill, dem die dortige Jugend noch unterzogen wird wird sie bestimmt vorerst vor dem Moralschwund-Syndrom bewahren.

Und was kann getan werden, um eine von religiösen und weltlichen Moralaposteln desillusionierte, aufgrund virtuell gesammelter Lebenserfahrung den Nutzen von Moral verkennende Jugend zu läutern? Es erscheint geradezu selbsterklärend, dass man sie nur mit einer entmystifizierten Moral erreichen könnte. D.h., man sollte endlich weg von der idealistischen Begründung des Moralisch-Ethischen bewegen, hin zur Bloßlegung ihrer in den Bedingungen des materiellen Lebens liegenden Ursprung. Das gelingt nur (siehe oben) wenn man dialektische Logik einsetzt.

In dieser Hinsicht hat man in Deutschland aus zweierlei Gründen die Nase vorn. Erstens hat man sich in den letzten 200 Jahren nirgendwo so eingehend mit der Dialektik befasst, wie in diesem Land. Zweitens hat man durch die Wiedervereinigung jetzt einen Bevölkerungsteil, dem in der DDR, wie in allen Ostblockländern, dialektischen Materialismus zwangsbeigebracht wurde.

Leider (oder vielleicht zum Glück) wird letzerer Umstand weniger ins Gewicht fallen, als ersterer, nicht nur weil Wissen, das unter Zwang doziert, äußerst widerwillig aufgenommen wird und meistens in den einen Ohr rein, aus dem anderen raus fließt. Das kommunistische Bekenntnis zum dialektischen Materialismus war vermutlich der größte Propagandablöff, mit welchem der Ostblock den Westen einzuschüchtern versuchte.

Nichts ist so Antiautoritär wie dialektischer Materialismus, denn er lehrt von der Konkretheit jeder Wahrheit, und verneint die reele Existenz von absoluter Wahrheit. Was unter bestimmten Bedingungen oder zur bestimmten Zeit richtig ist, kann unter anderen Bedingungen oder zu anderer Zeit unrichtig sein — die ultimative Erklärung der Vitalität des Meinungspluralismus. Die Dialektik war den Kommunisten wichtig als sie noch nicht irgendwo die Macht ergriffen hatten. Danach bereitete sie ihnen unlösbare ideologische Probleme.

Im kalten Krieg war sie dem Westen mit recht suspekt, denn in den Köpfen einer rebellischen Jugend wäre sie äußerst gefährlich gewesen. Die Frustration der 1968er Bewegung könnte man vermutlich zu einem großen Teil darauf zurückführen, dass sie entweder überhaupt nicht, oder nur mit dem im Ostblock entarteten Form der Dialektik bekannt war. Aber jetzt is der kalte Krieg nur noch Geschichte.

Also, liebe hochdotierte Philosophie-Professoren, bitte legen sie Habermas ad acta, und greifen sie zu Dialektikbüchern. Erklären Sie dann endlich den jungen Leut, warum Moral so unverzichtbar ist.

Datum:  12. April 1998
An: Den Spiegel
Betreff: 15/1998 STASI — “Warum ausgerechnet ich?”

Sie haben richtig bemerkt, dass “Dekonspiration” die effektivste Methode war, um sich vor Mitarbeit zu druecken. In den 70er Jahren war ich in der russischen Stadt Woronesch der einzige Indonesier weit und breit, und hatte mich mit der örtlichen vietnamesischen studentischen Gemeinde befreundet. Als ich ein Problem mit der Verlängerung der Aufenthaltsgenehmigung hatte, wurde mir nahegelegt, ich sollte Spitzelaufträge übernehmen.

Ich tat so, als wäre ich einverstanden, ohne die Absicht zu haben diese richtig auszuführen. Auf erste Fragen nach Meinung der Vietnamesen über die Sovietunion, gab ich das Standard-Blabla der Propaganda, dass sie für die bruderliche Hilfe der UdSSR sehr dankbar seien, usw. usw. Das nahm der Verbindungsmann mir zwar nicht ab, aber ich sagte einfach, das sie vielleicht mir nicht so recht vertrauten und nur deshalb nicht ihre geheime Meinung sagten.

Meine Rettung kam, als ich kurze Zeit später ein Paar Urlaubstage in Moskau verbringen konnte, wo ich einigen befreundeten Landsleuten über den Anwerbungsversuch erzählte. In Woronesch zurückgekehrt “gab” ich dann “zu”, mich “verplappert” zu haben. Das schwierigste war, während der darauffolgenden, unendlich erscheinenden Schimpftirade die richtige traurige “Versagermiene” aufrecht zu erhalten, um nicht durchblicken zu lassen, dass ich mich mit Absicht dekonspiriert hatte.

Danach wurde ich nie wieder damit behelligt.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  6. April 1998
An: Den Spiegel
Betreff: 14/1998, Streitgespräch Geißler/Eibl-Eibesfeldt

Nein, das finde ich wirklich gemein! Einen deutschen C4-Professor so vor aller Welt vor zu führen. Mir tun jetzt besonders seine Studenten, Diplomanden und Doktoranden leid. Und denken Sie bitte auch an die vielen deutschen Anthropologen, Ethnologen, Linguisten, Archäologen, die sich unter oft schweren Bedingungen um die Erkundung oder Erhaltung der kulturellen und sprachlichen Erbschaft bedrängter, aussterbender, oder vielleicht schon ausgestorbener Völker überall auf der Welt, und somit auch in Sache Völkerverständigung verdient machen.

Der Instinkt zum Fremdenabwehr ist keine spezifisch menschliche Eigenschaft, sondern findet sich in der ganzen Tierwelt wieder, ob bei Ameisen oder bei Meereskatzen. Spezifisch menschlich hingegen ist die Eigenschaft, die Rolle von Instinkten im sozialen Gemeinwesen kulturellen moralischen Prinzipien unterzuordnen. Diese Unterordnung ist und war allen Kulturen gemein, ihre Aufhebung führt zur unmittlebaren Ausrottungsgefahr (siehe Bounty-Meuterer bei der Erstbesiedlung der Pitcairne Inseln). Dass ein Politiker oder ein Journalist dieses eventuell nicht weiß, wäre verzeihlich. Bei einem Anthropologen (oder Ethologen) gehört es aber zum fachlichen ABC.

Noch befremdlicher ist der Versuch, die Äußerung dieser Unterordnung bei etwaigen steinzeitlichen Urvölkern undifferenziert auch einer hochentwickelten Industrienation wie der deutschen zuzuschreiben. Während bei den Erstgenannten nur ein relativ kleiner Kreis von gleichsprachigen Sippen zu den “Menschenwesen” zählten, und die übrige Menschheit praktisch als “Feind” oder “Freiwild” galt, das man töten oder eventuell sogar verspeisen durfte, so handelt es sich bereits bei den antiken Kulturvölkern, etwa den Griechen, Indern, Chinesen, nur noch um die Gegenüberstellung eines relativ großen, etliche Sprachgemeinden umfassenden Kulturkreises dem als Barbaren verstandenen Rest der Menschheit. Von entscheidender Bedeutung ist, dass gleichzeitig eine neue, wichtigere Gegenüberstellung entstanden war, eine innere, soziale Stratifizierung. Schon in der Antike, und genauso im Mittelalter, konnte deshalb ein Edelmann oder Kaufmann eines fremden Volkes (auch bei einer völlig anderen Rassenzugehörigleit) in allen Ehren empfangen werden, während das Leben eines Sklaven oder Leibeigenen des eigenen Volkes nur wenig Wert war. Im Industriezeitalter, wo es nur noch “abhängige” und “unabhängige” Beschäftigten gibt, hat auch der letzte Prolet, wie der alte Marx schon wusste, einen Kapitalwert, ganze gleich ob “Weißer”, “Schwarzer”, “Türke”, oder sonst wer.

Herr Geißler hat deshalb recht. Das Problem liegt nicht an der Andersgläubigkeit oder mangelnden kulturellen Assimiliertheit der “Fremden”. Das Problem liegt in der Arbeitslosigkeit unter zu vielen der “Eigenen”. Sie macht die Gegenüberstellung zwischen wirtschaftlichen “Gewinnern” und “Verlierern” unerträglich krass. Die einheimischen “Verlierer” sehen sich dann einem völlig unfairen Vergleich mit Ausländern ausgesetzt, der ihre Selbstwertgefühle in Frage stellt. Man muss wissen, dass Ausländer ein ausgewähltes Völkchen darstellen. Es bedarf einer besonderen Entschlossenheit, seinen Glück irgendwo in der Fremde zu suchen. Die, die hier gekommen sind, entstammen also einer vorherigen statistischen Auslese. Für einen im eigenen Land befindlichen “Verlierer” muss das Bild von trotz sprachlicher Benachteiligung erfolgreich auftretenden Ausländern ungemein schmerzlich sein. Auf langer Sicht kann das nicht gut gehen. Da ist Abhilfe wirklich dringend vonnöten.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi

Datum:  2. November 1997
An: Den Tagesspiegel
Betreff: Deutsche in Asien erfolgreiche Stars (02.11.97, S.32)

Einer Volksgruppe, die sich augenscheinlich mit dem Schicksal abgefunden hat, jegliche farbfrohe Momente im Leben Südländern verdanken zu müssen, sei es bei exotischen Leckereien, Tänzen, Bräuchen zu Hause, oder durch Urlaubsreiseziele in der Ferne, ist es nun wirklich gegönnt, mal von etwas gegenteiligem zu erfahren. Ihren Beitrag las ich mit viel Freude.

Was Mischlinge angeht, so scheint es mir, dass sie überall auf der Welt mit “Ungleichgültigkeit” begegnet werden, mal mit Hass und Neid, mal mit Liebe und Freude. Speziell in Südostasien gelten nicht nur eurasische Mischlinge als attraktiv, sondern schon seit viel früher auch solche mit chinesischer Teilabstammung. In Indonesien gelten Thailänderinnen als äußerst attraktiv, wobei eigentlich eben jene “Halbthailänderinnen” gemeint sind, die auch bei sich zu Hause offenbar als besonders begehrt gelten. Doch, eine Umfrage sowohl unter schwarzen, wie auch unter weißen Amerikanern würde sehr wahrscheinlich ergeben, dass B/W-Mischlinge als attraktiver gelten als Rein-Weiße oder Rein-Schwarze. Und warum setzen sich Deutsche wohl der krebsgefährlichen Strahlung von UV-Röhren oder echter Sonne aus, wenn nicht um (wenn auch unbewusst) wie ein Mischling auszusehen?

Mischlinge scheinen allgemein sensibler und empfindsamer veranlagt zu sein, was sich in bestimmten Fällen als besondere Begabtheit oder Kunstfertigkeit manifestieren kann. Vielleicht wirkt hier das gleiche biogenetische Prinzip, dass bei Inzucht zum entgegengesetzten Resultat führt. Von aus zwei verschiedenen Kulturwelten stammenden Eltern großgezogen zu werden bedeutet meistens, dass man zwar zu keiner von diesen Welten zu 100 Prozent gehört, andrerseits ist man aber eher geeignet, mit originellen Lösungen für unerwartete Probleme hervortreten zu können. Dafür leidet aber ein Mischling im Krieg zwischen Volksgruppen seiner beiden Elternteile mehr als “reine” Angehörige der Gruppen, sogar in einem Bürgerkrieg. Denn zu den Verlierern gehört er allemal, ganz gleich, welche Seite gewinnt. Mischlinge sind deshalb vielleicht vor allem aus dem Grund wirklich begehrenswert, weil sie ganz besonders an Frieden auf Erde interessiert sind? Zunächst bemühen sie sich jedenfalls, wie Sie selbst sehen, die Kulturen einander näher zu bringen.

Mit freundlichen Grüßen,
Waruno Mahdi
(Mischling aus vier Generationen von Mischehen)


© Waruno Mahdi.

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