Der Spiegel machte in seiner
diesjährigen 51. Ausgabe die philosophisch
fundierte Suche nach der Moral am Vorabend des Jahres 2000 zur
Titelgeschichte. Der Konsens darüber, was gut und was böse ist,
schwindet, wie überhaupt der Wert, den die heranwachsende Generation
auf die Moral legt.
Die scheinbare moralische Ausweglosigkeit der ausgemalten Situation
hat ihren Ursprung, wie mir scheint, im Beharren der Philosophen auf
das absolute Primat des Geistes vor dem Materiellen. Wir schleppen noch
immer Gedankengut mit uns herum, das in der Aufklärung des 17. und 18.
Jahrhunderts hoch aktuell war, inzwischen jedoch vom Stand des Wissens
überholt wurde.
Gemeint hier ist keineswegs die klassisch materialistische Darstellung
von Geist als Attribut von Materie. Die Einsicht in die Ursprünglichkeit
von Materie wird für einen bedeutenden und keineswegs unzureichend
gebildeten Teil der Menschheit offenbar immer als Metaphysik erscheinen.
Bedeutsamer, oder zumindest wissenschaftlich verbindlicher erscheinen
mir deshalb Erkenntnisse, die aufgrund umfangreicher konkreter
Feldbeobachtungen von Ethnologen und Anthropologen gewonnen wurden.
Bereits im 19. Jahrhundert bildete sich die allmählige Einsicht, wie
die Auseinandersetzung zwischen Mensch und seinem materiellen und sozialen
Umfeld zu der Entwicklung von rituellen und Glaubens-Traditionen führte.
Anfang des 20. Jahrhunderts kam man zum Begriff der mystischen Logik,
die nicht nur die Denkweise von Urmenschen charakterisierte, sondern
auch modernen Menschen nicht fremd ist.
Der Kreis schloss sich Mitte des 20. Jahrhunderts, als einem klar wurde,
dass der grundsätzliche Unterschied zwischen Homo sapiens und dem übrigen
Tierreich nicht etwa in der Intelligenz, der Verwendung von Werkzeugen,
oder der Fähigkeit zu Kunst lag, sondern darin, dass die soziale Struktur
einer menschlichen Gemeinde auch kulturell bedingt ist (und somit genauso
viele Spielarten kennt, wie es Kulturen gibt), statt nur biologisch (und
daher streng artspezifisch). Das Multikulti von Monogamie/Poligamie,
Endogamie/Exogamie, Matriarchat/Patriarchat, Demokratie/Autokratie,
egalitäre/Standes- oder Klassengesellschaft, Feudalismus/Kapitalismus usw.
innerhalb der gleichen Spezies, so etwas kennt die übrige Tierwelt nicht
einmal ansatzweise.
Wie, fragt man sich, konnte bereits der primitivste Urmensch das Leben
seiner Gemeinden organisieren, wenn wir mit all unserem High-Tech nicht
einmal das Verhalten unserer Kinder in den Griff bekommen, geschweige
denn das unserer Politiker?
Er besaß natürlich weder das nötige Wissen, noch die Fähigkeit, Erfahrung
logisch rational in Wissen umzusetzen. Er sammelte und verarbeitete sie
ganz unsystematisch, intuitive, und vor allem mystisch. Die Fantasie,
durch welche er in allen Gegenständen und natürlichen Phänomenen um sich
herum eine eigene Willens- und Tatkraft wähnte, als wären die mit eigenen
Geistern beseelt, hatte zur Folge, dass er sich quasi von jenen
vermeintlichen Geistern dressieren ließ. Der Mechanismus der Entstehung
moralischer Glaubenssätze könnte man sich anhand dessen veranschaulichen,
wie das Tabu gegen Inzest vermutlich entstanden ist: Der Urmensch musste
gefolgert haben, dass Verkehr unter Geschwistern die Geister erzürnte,
was daraus zu erkennen war, dass aus solcher Vereinigungen oft kränklicher
Nachwuchs hervorging. Also fügte er sich dem wie er meinte von den
Geistern auferlegten Tabu.
Hieraus lassen sich eine Reihe von wichtigen Schlüssen ziehen:
Erstens ist der Glaube auch aus rein materialistisch anthropologischer
Sicht ein fundamentales menschliches Attribut, das für das geordnete
Funktionieren eines menschlichen Gemeinwesens und für das seelische Heil
dessen individuellen Mitglieder genauso wichtig ist, wie das Atmen und
Sich-Ernähren für deren Lebensfunktionen. Denn ein Wesen, das die
Fähigkeit besaß, biologische Instinkte zugunsten kultureller Regeln zu
unterdrücken, konnte nur überleben, wenn anstelle instinktiver Hemmungen
genauso verbindliche kulturelle eintraten. Seine Glaubensfähigkeit,
die dabei die maßgebliche Rolle spielte, musste wohl an einer wichtigen
Schnittstelle im Übergang vom Menschenaffe zum Menschen den
ausschlaggebenden Selektionsfaktor gewesen sein.
Nicht zufällig, also, sehen sich sogar Humanisten schließlich auch nur
Menschen dazu genötigt, der primäre Ursprung ethischer Prinzipien im
Geist zu suchen. Nicht einmal die ideologisch abgehärtesten Kommunisten
kamen ohne Pantheon von Patriarchen, Heiligkeit als ulimativer Ausdruck
des moralisch Verbindlichen, oder Pilgerstätten und anderen Orten und
Gegenständen der rituellen Verehrung aus. Echt atheistisch ist wohl
nur ein kleiner, eigentlich sehr bedauernswerter Schar wirklich
nihilistischer Anarchisten. Wie auch immer, es kommt gar nicht darauf
an, ob man Idealist, Materialist oder Agnostiker ist: Die Wichtigkeit
des Glaubens insbesondere in seinem moralisch-ethischen Aspekt bleibt
bestehen, unabhängig davon ob von einem personifizierten Gottesbegriff,
von einem ganz gleich wie gearteten kultivierten Geist oder idealistischen
Edelmut herleitend. Nur für seine Wirksamkeit, uns ins Gewissen
hineinzureden, schlüpft er sich in jenen edelen Gestalt,
denn unsere Empfänglichkeit dafür wurde in langwiereiger
natürlicher Selektion geschärft.
Zweitens handelt es sich beim wie beschrieben entstehenden Glauben
nicht um direkt logisch und rational hergeleitetes Wissen. Das hilft
ein wichtiges Problem zu klären, dass die Abkehr vom Primat des Geistes
sehr vielen bereitet: Der sachlich utilitäre Beigeschmack, der dann
allen ethischen Prinzipien beihaftet. Aber die dialektisch indirekte
Herleitung des Prinzips gilt auch dann, wenn der materielle Zusammenhang
durchaus transparent ist. Denn, wenn ich einen auch von anderen benutzten
Raum so hinterlasse, wie ich ihn selber gern immer vorfinden möchte, hat
nur ein anderer der nächste Benutzer etwas davon. Erst wenn es zum
Grundsatz wird, den alle Benutzer befolgen, profitieren davon auch alle,
ich selbst mit eingeschlossen. Der Zauber gelingt erst über den Umweg eines
allgemein befolgten ethischen Glaubenssatzes, bei dem man nicht gleich
seinen unmittelbaren Eigennutz im Vordergrund hat, sondern diesen nur
über die Wahrung der Interessen des Allgemeinwohls. Was nun aber den
indirekten Eigennutz anbelangt, hat denn nicht auch die pietätvollste
religiöse Hinwendung letztendlich das eigene seelische Heil zum Zweck?
Drittens, folgt aus dem Obigem, dass moralische, ethische, oder religiöse
Glaubenssätze relativ sein müssen, da durch die konkreten Verhältnissen
bedingt, in denen sie enstanden sind. Die Relativität jedes moralischen
Prinzips gilt auch für noch so universelle religiöse Gebote. Ganz
abgesehen davon, dass ein Psychiater sich eventuell eine Klage wegen
Körperverletzung einhandelt, wenn er das Gebot, nicht zu Lügen,
konsequent befolgt, hat das Gebot Du sollst nicht Töten noch keinen
Patriarchen, nicht einmal Moses selbst, dazu veranlasst, die Abschaffung
von Streitkräften zu fordern. Moralische Doppelbödigkeit könnte darin
jedoch allenfalls ein überzeugter Pazifist-Totalverweigerer ersehen,
auch wenn der Begriff Friedensmission erst in der allerjüngsten Zeit
gemünzt wurde. Außerdem hat noch keine Religion (noch weniger irgendein
religiöser Fundamentalist) von Haus aus die Abschaffung der Todesstrafe
verlangt, sondern eher wohl Anhänger von Glaubensrichtungen die zum
Humanismus oder Freidenkertum tendierten.
Aus umfangreichen ethnographischen und anthropologischen Daten kennt man
ja die Flexibilität religiöser Glaubenssätze zugenüge. Der Mensch hat in
allen Kulturkreisen schon immer grenzenlose Fantasie und Kreativität
an den Tag gelegt, um althergebrachte religiöse Prinzipien nach Bedarf
umzudeuten, sie in Einklang mit veränderten Lebensbedingungen zu bringen.
Jede Weltreligion ist in unzähligen Modifikationen vertreten, die bei
orthodoxer Unveränderbarkeit ja nie hätten entwickeln können.
Wir kommen nun endlich zum aktuellen Problem: Warum geben Religion und
Moral unserer Jugend nicht mehr den erhofften geistigen Rückhalt?
Zunächst braucht man sich nur die Probleme anzusehen, die die Jugend
gerade zuletzt beschäftigten: Gleichstellung von Mann und Frau,
Bekämpfung von Umweltverschmutzung, Eheähnliche Beziehungen ohne
Trauschein oder nicht zwischen Mann und Frau, usw. Was sagt dazu die
Kirche (oder auch die Moschee)? Wem wundert es, wenn der eine oder der
andere sich dann vielleicht zum Buddhismus wendet (nicht dass daran
an sich etwas verkehrt wäre, nur dass es vom Versagen der Religion, der
man zuvor angehörte, zeugt), oder gar vollends verwirrt einen Bhagwan aufsucht.
Und musste die Regelung jener Probleme nicht auch gegen dem zähen Widerstand
von Regierungen und sonstigen weltlichen Statthaltern geistig-moralischer
Authorität durchgesetzt werden?
Es kam noch schlimmer: Während des kalten Krieges gab es ein rebellischer
Jugend auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs. Klar, dass es sich von
selbst verstand, die rebellische Jugend des jeweils gegnerischen Blocks
moralisch anzustacheln, und die eigenen Blagen irgendwie abzulenken und
sich auf unkritischen Sachen konzentrieren zu lassen. Während sich hier
die Jugend Ho, Ho, Ho chi Minh skandierend durch die Straßen zog und
umstürzlerische Fantasien wie Befreit Grönland vom Packeis zelebrierte,
erfreute sie sich drüben klammheimlich an Boogy-Woogy, Rock-n-Roll,
Disco und anderen Schmuggelwaren vom Klassenfeind (Nylons, Jeans). Also
unterminierte man gegenseitig in trauter Uneinvernehmlichkeit gezielt
die moralische Lauterkeit der Jugend, wie sie von der im jeweiligen Block
herrschenden Ideologie verstanden wurde. Wichtigster
Nebeneffekt: Die Zerstörung des unterschwelligen Respekts der Jugend
vor der jeweils eigenen Erwachsenenwelt.
Aber auch das war noch lange nicht das allerschlimmste. Als mit dem
Untergang des Ostblocks die Motivation für jene moralische Subversion
verschwand, war sie eigentlich längst nicht mehr wirklich aktuell. Die
Jugend im Westen hatte mittlerweile Atomkraft nein Danke und Öko-Power
für sich entdeckt. Dies ließ sich ja schlecht vom Ostblock in dem
Punkt weit angreifbarer als der Westen instrumentalisieren.
Andrerseits verlor die Politik der Einnahme der Jugend für Konsumkult und
Mode-Schnickschnack ihre besondere Zielrichting gegen Ost dies war
wohl auch niemals die ausschließliche oder auch wichtigste Motivation
gewesen.
Es ist im Nachhinein schwer festzustellen, was wohl der eigentliche
Motivation oder treibende Kraft war.
Der Schock, den die Eskalation von der Halbstarkenrebellion der 50er zur
offenen 1968er Revolte sowohl bei Politik wie auch bei Wirtschaft bewirkt
haben muss, führte seinerzeit zu eingehenden Forschungsprojekten über
psychologische Aspekte des radikalen Aktivismus und über
Massenverhaltensmanipulation durch Werbung (der im Koreakrieg entstande
Begriff Gehirnwäsche war allen noch frisch im Gedächtnis).
Daneben führte immer neue Spirale der Konjunktursankürbelung dazu, dass
auch der Massenabsatz von möglichst kurzlebigen Wegwerfprodukten und der
Kauf auf Pump nicht mehr steigerungsfähig waren. Wo Erwachsene kaum noch
zu immer leichtsinnigerem Konsum animiert werden konnten, musste die
leichter beeinflussbare Jugend her, und sogar Kinder. Das blieb nicht ohne
Folgen, wobei die unter Schulkindern wütende Jahrmarkt der Eitelkeit mit
Markenwaren wohl eher die harmloseste ist (Nebeneffekte: Gelderpressung
von schwächeren Schülern; Teilzeitprostitution bei einzelnen Studierenden
und Auszubildenden, im Ausland manchenorts sogar auch bei Schülerinnen
und Schülern). Die Hauptbotschaft, die die Kinder eingetrichtert bekamen,
lautete: Wichtig ist der oberflächliche, vordergründige äußere Schein,
und nicht das tieferliegende, inhaltliche, innere Wesen.
Die Kinder wurden langsam aber sicher vom moralischen Obhut der Eltern
losgelöst durch kommerzielle Instrumentalisierung des jugendlichen
Abnabelungsprozesses (traue keinen über 30). Natürliche pubertäre
Aufmüpfigkeit, eine sehr empfindliche Phase des Werdegangs eines Menschen,
bekam unerwartete (und eigentlich sehr verwirrende) moralische
Unterstützung von erwachsenen Geschäftemachern. Solch derber Eingriff
ins Intimbereich des jugendlichen geistigen Wachstums kannte man
ursprünglich allenfalls von fragwürdigen, charakterschwachen, moralisch
labilen Einzelerwachsenen.
Es fügte sich, dass die technologische Akzeleration die Jugend immer
mehr aus der Lehrabhängigkeit von Erwachsenen herauslöste. Die Periode
technologischer Erneuerung wurde immer kürzer und hat mittlerweile den
beruflich aktiven Lebensalter eines Menschen unterschritten. Wie man
einen Auto fährt konnte Sohnemann noch vom Papa lernen. Beim Umgang
mit Komputern verhält es sich jetzt völlig umgekehrt. Die Botschaft,
die die Werbung der Jugend vermittelte, scheint sich ihr zumindest
mit Hinsicht auf die Erlangung des vordergründigeren, anschaulicheren
technischen Wissens zu bestätigen. Also haben die Oldies/Grufties auch
in moralischen Fragen, wo Wissen in verdeckter, indirekter, dürch die
Erfahrung vieler Generationen akkumulierter Form steckt, immer weniger
zu melden.
Zwar hat eine auf sich allein gelassene Generation noch niemals Kultur
von Null an neu aufgebaut, doch ihr wurde bis jetzt immer die fatalen
Folgen ihres kulturlosen Zustands unmittelbar vor Augen geführt, in der
Regel durch physischen existenziellen Untergangs ihres Gemeinwesens.
Die jetzige Generation erlebt die natürliche Welt immer mehr auf dem
Bildschirm statt im Original, und soziale Beziehungen eher im virtuellen
Welt des Komputerspiels und des Internets. In der Abkapselung von der
Realität kommen Folgen des moralisch-ethischen Defizits für den
Einzelnen erst überhaupt nicht ernsthaft registrierbar zum Tragen
bis dann und wann. Man hat die Jugend in eine glitzernde Scheinwelt
gelockt, in welchen ethisches Auftreten und Zivilcourage durch
dessen bzw. deren virtuelles Abbild ersetzt wurde.
Es ist aber wenig hilfreich, den schwarzen Peter nun sogleich der
Wirtschaft zuzuschieben. All dies dient zwar der Erörterung der
Wurzeln des Problems, taugt aber überhaupt nicht zur rituellen
Klärung der Schuldfrage. Es geschah ja alles in Interesse unseres
allen liebgewordenen Wohlstandes und wir haben das gewusst. Wenn also
jemand schuld ist, dann sind wir das alle miteinander selbst. Doch
Ökonomie dient (auch bei Wohlstand) der existenziellen Selbsterhaltung,
und was immer man dafür tun muss kann einem wohl kaum zum Vorwurf gemacht
werden. Das bedeutet aber nicht, dass man nichts dagegen tun kann oder
soll.
Es gibt zunächst zwei Arten von Prophezeihungen: Die, die sich
bewahrheiten und die, die sich nicht. Dann gäbe es eventuell noch
Prophezeihungen der dritten Art, wenn man hinterher verdutzt dasteht
ohne so richtig entscheiden zu können, ob sie erfüllt oder nicht
erfüllt wurde. Die Prophezeihung der weltweiten Katastrophe durch einen
mit dem Jahr 2000 (Y2K) verbundenen Komputerfehler (auf Englisch mit
der Abkürzung TEOTWAWKI bezeichnet [The End Of The World As We Know It])
könnte sich durchaus als eine solche
erweisen.
Der Untergang Roms stürzte Europa in das dunkle Ära des Mittelalters,
doch Zivilisation blieb anderswo weiterhin erhalten, in China, Indien,
im Nahen Osten. Die griechisch-römische Kulturerbe blieb gut in der
arabisch-muslimischen Welt erhalten, um in der Renaissance nach Europe
zurückzukommen. Das Reich der Mayas ist vermutlich an den Folgen einer
selbstverursachten Umweltkatastrophe zugrunde gegangen. Auch jene
zentralamerikanische TEOTWAWKI blieb in seiner Wirkung örtlich
begrenzt.
Durch die Globalisierung wären die Folgen des Komputerfehlers gleich
globalisiert, genauso aber Folgen jedes anderen vergleichbar fatalen
Fehlers. Die weltweite AIDS-Seuche soll angeblich auf eine unreine
Versuchs-Charge eines Vakzins gegen Kinderlähmung zurückgehen. Da war
Globalisierung noch lange nicht richtig in Gang gekommen. Nun muss die nächste
Katastrophe nicht unbedingt durch global vermarktetes BSE-Rind, oder
weltweiten Einsatz genetisch veränderter Soyabohnen immer an der
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit vorbei erfolgen. Wir sind auch
noch weit genug davon entfernt, bis ein Sloterdijkeske Verengung des
humanen Genpools zur Umkippung des sich auf breiter menschlicher
Verschiedenheit gründenden menschlichen Gemeinwesens führt.
Die zur nächsten ernsten Katastrophe führende Komputermacke wird
wahrscheinlich nicht der Y2K-Systemfehler sein, auch wenn hier und da,
insbesondere in technisch unterentwickelten Regionen, mit ernsten
Schwierigkeiten zu rechnen sind. Aber die an der Schnittstelle
zwischen Mensch und Machine, die zur Entsozialisierung des Menschen
und dadurch zur Virtualisierung seiner Moral führt, die könnte sich
als tödlich erweisen. Denn, wie aus dem eingangs Erörteten hervorgeht,
spielt Glauben oder Moral eine entscheidende Rolle im Funktionieren
des menschlichen Gemeinwesens.
Kinder mit Lust zum Massenmord und Mittel zu dessen Realisierung sind
vielleicht nur Vorboten für das, was noch kommt. Unsere Demokratien
können mit einer Bevölkerung von Nihilisten nicht fortbestehen.
Dass die Demokratie ursächlich für industrielle Entwicklung und für
den Sieg gegenüber dem sozialistischen Ostblock verantwortlich war,
muss aber eigentlich nicht noch gesondert betont werden.
Es besteht gute Hoffnung, dass sich die Verantwortlichen sich durch
die drohende Perspektive hinreichend aufschrecken lassen, um wirksam
gegenzusteuern. Denn ein noch größerer Horror als der Weltuntergang
für die exklusive Gesellschaft, die jährlich zum Stelldichein in
Davao eintrifft, wäre eine Regionalkatastrophe, von welcher Andere
eventuell nicht gleichermaßen getroffen wären. Zwar wird der
Y2K-Fehler eventuell größere Schäden in Schwellenländern verursachen,
als in den Industrieländern, aber der streng-puritanische Drill, dem
die dortige Jugend noch unterzogen wird wird sie bestimmt vorerst
vor dem Moralschwund-Syndrom bewahren.
Und was kann getan werden, um eine von religiösen und weltlichen
Moralaposteln desillusionierte, aufgrund virtuell gesammelter
Lebenserfahrung den Nutzen von Moral verkennende Jugend zu läutern?
Es erscheint geradezu selbsterklärend, dass man sie nur mit einer
entmystifizierten Moral erreichen könnte. D.h., man sollte endlich
weg von der idealistischen Begründung des Moralisch-Ethischen
bewegen, hin zur Bloßlegung ihrer in den Bedingungen des materiellen
Lebens liegenden Ursprung. Das gelingt nur (siehe oben) wenn man
dialektische Logik einsetzt.
In dieser Hinsicht hat man in Deutschland aus zweierlei Gründen die
Nase vorn. Erstens hat man sich in den letzten 200 Jahren nirgendwo so
eingehend mit der Dialektik befasst, wie in diesem Land. Zweitens hat
man durch die Wiedervereinigung jetzt einen Bevölkerungsteil, dem in
der DDR, wie in allen Ostblockländern, dialektischen Materialismus
zwangsbeigebracht wurde.
Leider (oder vielleicht zum Glück) wird letzerer Umstand weniger ins
Gewicht fallen, als ersterer, nicht nur weil Wissen, das unter Zwang
doziert, äußerst widerwillig aufgenommen wird und meistens in den einen
Ohr rein, aus dem anderen raus fließt. Das kommunistische Bekenntnis zum
dialektischen Materialismus war vermutlich der größte Propagandablöff,
mit welchem der Ostblock den Westen einzuschüchtern versuchte.
Nichts ist so Antiautoritär wie dialektischer Materialismus, denn er
lehrt von der Konkretheit jeder Wahrheit, und verneint die reele
Existenz von absoluter Wahrheit. Was unter bestimmten Bedingungen oder
zur bestimmten Zeit richtig ist, kann unter anderen Bedingungen oder zu
anderer Zeit unrichtig sein die ultimative Erklärung der Vitalität
des Meinungspluralismus. Die Dialektik war den Kommunisten wichtig
als sie noch nicht irgendwo die Macht ergriffen hatten. Danach
bereitete sie ihnen unlösbare ideologische Probleme.
Im kalten Krieg war sie dem Westen mit recht suspekt, denn in den
Köpfen einer rebellischen Jugend wäre sie äußerst gefährlich gewesen.
Die Frustration der 1968er Bewegung könnte man vermutlich zu einem
großen Teil darauf zurückführen, dass sie entweder überhaupt nicht, oder
nur mit dem im Ostblock entarteten Form der Dialektik bekannt war.
Aber jetzt is der kalte Krieg nur noch Geschichte.
Also, liebe hochdotierte Philosophie-Professoren, bitte legen sie
Habermas ad acta, und greifen sie zu Dialektikbüchern. Erklären Sie
dann endlich den jungen Leut, warum Moral so unverzichtbar ist.